Die Bildungslandschaft verändert sich, doch dabei konzentriert sich die Diskussion - nicht zuletzt auch im Vorfeld der Landtagswahl - zumeist auf die neu etablierten Gemeinschaftsschulen. Deren Anzahl nimmt in Reutlingen zu, der Stadt liegen Genehmigungen für die Umwandlung von drei derzeitigen Realschulen in Gemeinschaftsschulen vor. Damit weist die ERS als einzige noch verbleibende herkömmliche "Realschule" in den Landkreisen Reutlingen sowie Tübingen künftig ein Alleinstellungsmerkmal auf.

Die vor 110 Jahren gegründete Bildungseinrichtung, deren "Schulentwicklungsprozess" jüngst vom Regierungspräsidium Tübingen als "beispielhaft" gewürdigt wurde, hat es geschafft, das "Konzept einer veränderten Lernkultur" in den vergangenen Jahren erfolgreich umzusetzen. Der Prozess wurde von Beginn an durch zwei Fachberaterinnen für Schulentwicklung des Regierungspräsidiums begleitet.

"Vor sechs Jahren haben wir begonnen, Teamstrukturen einzurichten", erzählen Schulleiter Klaus Michelsburg sowie seine Stellvertreterin Christiane Linssen und Katharina Zindel, Lehrerin und Mitglied in der Schulentwicklungsgruppe, im Pressegespräch. Jeder der 65 Lehrkräfte gehört zu einem der sechs Teams, die ihrerseits wieder jeweils einer Klassenstufe in der fünfzügigen Schule zugeordnet sind. "Die Klassenlehrer bilden den Kern der Teams", so Michelsburg weiter. Die enge Zusammenarbeit der Lehrer in den Teams sorgt für "transparente Strukturen, ermöglicht kurze Absprachen und bietet die Möglichkeit, Konflikte rasch zu entschärfen", erläutert Zindel. Jedes Team legt gemeinsam Regeln für die Klassenstufe fest.

Die Einführung der Teamstruktur an der ERS wurde als Projekt von der Stuttgarter Heidehof-Stiftung gefördert und konnte so durch eine externe Fachbegleitung organisatorisch auf den Weg gebracht werden. Letztlich spiegelt sich der Erfolg des Konzepts auch darin, dass die ERS im vergangenen Jahr im Vergleich der Reutlinger Schulen die meisten Anmeldungen von Fünftklässlern erhalten hat. Die neue Lernkultur, die auf der Teamstruktur aufbaut, umfasst verschiedene Elemente. Seit gut einem Schuljahr gibt es jetzt das "Individuelle Arbeiten" in den Klassenstufen 5 und 6 und zwar in den Fächern Englisch, Deutsch, Mathematik sowie dem Verbundfach Erd-, Wirtschafts- und Gemeinschaftskunde in insgesamt fünf Stunden pro Woche. Im Unterricht sind dann jeweils zwei Lehrkräfte für die Klasse da. So ist eine intensivere Betreuung sowohl von schwächeren wie auch von leistungsstärkeren Schülern möglich. Aufgaben werden in zwei bis drei Niveaustufen angeboten. Nach dem Wegfall der für Eltern bindenden Schulempfehlung vor vier Jahren ist die "Heterogenität in der Schülerschaft gewachsen", hat Linssen beobachtet.

Auf der anderen Seite unterstreicht Michelsburg den hohen Stellenwert des Unterrichts im Klassenverband. "Wir wollen nicht lauter Einzelkämpfer haben", ergänzt seine Stellvertreterin. Die zusätzlichen Lehrerstunden zweigt die Eichendorff-Schule aus dem Zusatzdeputat ab, das Realschulen in diesem Schuljahr bekommen haben und das zur freien Verfügung steht.

Als weiteres "Herzstück" der neuen Lernkultur bezeichnet Zindel die Lernberatung. Für die Fünft- und Sechstklässler gibt es seit dem Schuljahr 2014/2015 zwei Lehrerstunden pro Klasse und seit dem Ende der Sommerferien kommen jetzt auch die Siebtklässler - mit einer Lehrerstunde - in den Genuss. "Wir reflektieren das Lernverhalten und die Lernstrategie mit den Schülern", so Zindel. Dabei spielen auch Details eine Rolle, beispielsweise wie "Pünktlichkeit" einzuhalten ist oder der Ranzen sinnvoll gepackt wird. "Die Schüler lernen sehr professionell, wie sie sich gut organisieren können", sagt Linssen, "und den Schülern tut es gut, wahrgenommen zu werden und im Mittelpunkt zu stehen". Ebenfalls neu ist seit Herbst vergangenen Jahres der bilinguale Unterricht für eine fünfte Klassen mit Englisch als Unterrichtssprache in zwei Fächern sowie das Fach "Werte und Verantwortung" für die Schüler in den Klassen 5 bis 7, die nicht am evangelischen oder katholischen Religionsunterricht teilnehmen. Gute Erfahrungen im Alltag haben die Lehrer auch mit der vor rund einem Jahr eingeführten "Quali-Card" gemacht, auf der gutes Verhalten vermerkt wird und die im Gegenzug den Schülern wiederum Vorrechte einräumt.

Das Konzept wird im Alltagsbetrieb laufend geprüft und gegebenenfalls angepasst, erläutert Zindel. "Um die Schulentwicklung sinnvoll voranzubringen, sind viele Bausteine erforderlich", unterstreicht Michelsburg.