Reutlingen Indie-Feuerwerk in Moll

JÜRGEN SPIESS 03.08.2015
Die Örtlichkeit als heimlicher Hauptdarsteller: Zum dritten Mal stieg am Wochenende auf der lauschigen Pfadfinderwiese beim Listhof das Burning Eagle Festival - 16 Bands sorgten für entspannten Indierock.

Eigentlich müsste man Konzerte von Annenmaykantereit ja bestuhlen. Man lehnt sich zurück und lässt diese einfühlsamen Graffitis der Empfindungen an sich vorüberziehen. Man freut sich über den unfassbar tollen und jungen Sänger Henning May, dessen tiefe, wehmütige, an Tom Waits erinnernde Stimme gar nicht genug gepriesen werden kann. Umgeben von knorrigen Bäumen blinzelt man in die psychedelisch angehauchte Lightshow und nimmt so entspannt Elementares in sich auf.

Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit, die Namensgeber der Band Annenmaykantereit verstehen es, mit ihren intensiven Rocksongs zu beeindrucken. In diesen Liedern hirnt und herbstelt, kriselt und sehnsüchtelt es, und irgendwie verrinnt in den poetischen, auf Deutsch und manchmal auch auf Englisch gesungenen Versen einfach so die Zeit. Zuweilen klingen sie wie eine Tanzkapelle, etwa auf einer Hochzeitsfeier, morgens um fünf, wenn sich nur noch zwei, drei Übriggebliebene zum Schwofen aneinander klammern.

Unter den Grübeltexten liegt ein versonnener Cha-Cha-Rhythmus, und leicht könnte das Ganze als intellektuelle Schnulze enden, gäbe es gerade live nicht diese dezenten ironischen Brechungen. Kein Zweifel, der Auftritt dieser Kölner Band am Freitagabend war einer der Höhepunkte des Festivals.

Inzwischen hat es sich ja herumgesprochen, dass das zweitägige Festival zu einem der schönsten und atmosphärischsten in der gesamten Region zählt. So konnten die Veranstalter auch zum ersten Mal mit jeweils rund 800 Besuchern an beiden Tagen ausverkauft melden. Organisiert wird das Festival von den beiden Reutlingern Henrik Junger und Dennis Adler. Erstmals fand es 2006 statt, damals noch in der Zelle. In den folgenden Jahren wanderte es weiter ins Café Nepomuk, von dort ins benachbarte franz.K, und nun war es zum dritten Mal beim Listhof. Gleichzeitig erweiterten die Veranstalter, selbst ganz in die neue Singer-Songwriterszene hineingewachsen, das Spektrum des Festivals, zu dem nun auch Bands der internationalen Independent-Szene eingeladen werden.

Gemeinsam ist Veranstaltern und Künstlern nach wie vor ein Selbstverständnis abseits von Kommerz, die Verbundenheit zu kleinen, subkulturellen Szenen. Gerade Annenmaykantereit, die als Straßenmusiker ihre Karriere begannen, sind dafür ein gutes Beispiel. Aber auch Gruppen wie die Nürnberger Band A Tale of Golden Keys, die fünfköpfige Gitarrenrockband Builders & The Butchers oder die somalisch-kanadische Sängerin Cold Specks verwandelten am Freitag die Streuobstwiese beim Listhof in einen verwunschenen Ort zwischen melodischem Singer-Songwriter-Idyll und melancholischem Indie-Feuerwerk in Moll. Selbst Cold Specks' Mix aus sphärischem Soulfolk, Gospel-Blues und Elektropop nahm einen gefangen. Wunderbar ließen sich da tiefschwarze Songstrukturen heraushören, die mit jedem Song mehr verblüffen, weil die finstere Soulstimme von Sängerin Al Spx für eine Elektropop-Combo ungewöhnlich klingt und sie sich dennoch hervorragend ins Programm einfügt.

Wie zum Auftakt am Freitag startete das Festival am Samstag bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Eröffnet wurde der Konzert-Marathon durch den Londoner Songwriter Dan Carney, der unter dem Namen Astronauts firmiert. Weiter ging es mit The Great Joy Leslie und The Lake Poets auf der kleinen Bühne und mit Folk-Country-Blues der Schweizer Band Yellow Teeth. Gegen Abend enterten dann die sechs jungen Briten von The Bronze Metal mit ihren epischen Songs die große Festivalbühne. Es folgten die für den erkrankten John Bramwell eingesprungenen Alice Phoebe Lou, die Londoner Folkrockband Cristobal and the Sea und das Samstag-Highlight Beaty Heart, die nicht nur in ihrer Heimatstadt London als Trendsetter einer neuen Folkrock-Renaissance gelten.

Alles in allem also wieder ein hinreißendes Konzert-Wochenende, das nicht nur musikalisch, sondern auch und gerade atmosphärisch zum Spannendsten gehört, was das Ländle an Indierock-Festivals zu bieten hat. So herrscht schon jetzt die Vorfreude aufs nächste Jahr.