Reutlingen In fünf Jahren 100 neue Stellen schaffen

Heike Dorn (sitzend) hat mit der Stelle bei der Firma Med con team von Dr. Michael Weinlich und seiner Frau Waltraud nach ihren eigenen Worten einen Joker gezogen.
Heike Dorn (sitzend) hat mit der Stelle bei der Firma Med con team von Dr. Michael Weinlich und seiner Frau Waltraud nach ihren eigenen Worten einen Joker gezogen. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 18.07.2016
Eine Initiative der Reutlinger Inklusionskonferenz will in fünf Jahren 100 neue Arbeitsplätze schaffen. Dahinter steht ein ganzes Netzwerk an Partnern.

„plusEinhundert - Netzwerk Arbeit inklusiv“ heißt die Initiative der Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen. Was sich dahinter verbirgt? 100 behinderte Menschen sollen in den kommenden fünf Jahren im Ersten Arbeitsmarkt eine Stelle finden, wie Susanne Blum von der Inklusionskonferenz berichtete. Dabei stehe eine Vielzahl an Partnern hinter dieser Initiative – die IHK ebenso wie die Handwerkskammer Reutlingen, die Bundesagentur für Arbeit und der Integrationsfachdienst.

Letzterer hat sich im vergangenen Jahr darum bemüht, dass Heike Dorn eine für sie passende Arbeitsstelle fand. Sie hatte zuvor bei der Bruderhaus-Diakonie im Café Nikolai einen betreuten Arbeitsplatz gehabt – „das war ganz okay, aber ich fühlte mich mit meinem Kopf nicht herausgefordert“, sagt die Frau, die an Anorexie, also an Magersucht, leidet. Über den Integrationsfachdienst in den Personen von Rainer Dibbern und Annika Reder hat sie eine Praktikumsstelle bei der Reutlinger Firma „Med con team“ gefunden. „Wir haben eine Person gesucht, die englisch spricht und möglichst einen medizinischen Hintergrund hat“, erläuterte Waltraud Weinlich, die in dem 17-Mitarbeiter-starken Unternehmen für das Personal zuständig ist.

Ihr Mann, Dr. Michael Weinlich, war früher ärztlicher Leiter der Rettungsflugwacht, wie er selbst gestern beim Pressegespräch ausführte. Seine Firma kümmert sich heute um Reisesicherheit, medizinisches Krisenmanagement, Rückholaktionen Medizinische Simulation und noch vieles mehr, weltweit. „Heike Dorn passt hervorragend in unser Team“, sagte Michael Weinlich. Sie habe sich schon im Praktikum bewährt und gezeigt, dass sie den Anforderungen der Tätigkeit sehr wohl gewachsen sei. Was sie nun in der 100-Prozentstelle vor allem am Telefon tut? Sie organisiert etwa Rückholaktionen von Menschen im Ausland, arbeitet dabei mit Versicherungen zusammen und mit großen Reiseveranstaltern. „Wir organisieren aber auch ganz kurzfristig Arzttermine in Hamburg, auf Mallorca oder sonstwo in der Welt - wo ein Kreuzfahrtschiff gerade als nächstes Halt macht“, berichtete Heike Dorn.

Dass sie mehrere Sprachen spricht und sogar im Bereich Tourismus studiert hatte, kommt ihr dabei zugute. Mit ihrer Stelle bei „Med con team“ habe sie „den Joker gezogen“, wie sie selbst betont. Und das Paar Weinlich freut sich nun nicht nur über eine hervorragende Mitarbeiterin, sondern auch über die Hilfe des Integrationsfachdienstes: „Uns wurde ja fast alles abgenommen, wir hatten keine bürokratischen Hindernisse“, so Dr. Weinlich. Hat der Fachdienst Mitarbeiter in den Ersten Arbeitsmarkt vermittelt, so werden sie auch weiterhin betreut, wie Dibbern betonte.

Ein Erfolgsmodell? Die Weinlichs zeigen sich überzeugt davon: „Wir haben ja auf allen möglichen Wegen versucht, einen passenden Mitarbeiter zu finden“, sagte Waltraud Weinlich. Dass sie über den Integrationsfachdienst dieses Angebot mit Heike Dorn bekamen – für alle Seiten sei das ein Glücksfall gewesen.

Und solche Glücksfälle sollen nach Möglichkeit noch viele mehr gefunden werden. „Wobei einige Arbeitgeber Vorurteile haben, dass sie sich mit einem Behinderten einen Klotz ans Bein binden, den behinderten Menschen nicht mehr loswerden“, sagte Dibbern. Das sei mitnichten so. „Der Weg führt immer über ein Praktikum, bei dem beide Seiten sehen können, ob es passt“, erläuterte Reder.

Heike Dorn und „Med con team“ ist also das beste Beispiel für Gewinner auf allen Seiten. Und die Initiative der Inklusionskonferenz geht weiter. „Wir wollen mit allen Netzwerkpartnern intensiv zusammenarbeiten und möglichst viele Stellen auf dem Ersten Arbeitsmarkt schaffen“, unterstreicht Susanne Blum. Die IHK habe mittlerweile sogar eine eigene Inklusionsbeauftragte eingestellt.