IMPULSE: Schützenswert

ROLAND HERDTFELDER UND ELKE STEINBRUNN (NABU REUTLINGEN) 04.04.2015

Im Mai blühen die Obstbäume im und um die Wohngebiete Hohbuch und Schafstall. Dann genießen wir bei Spaziergängen die Blütenpracht der Bäume und der blumenreichen Glatthaferwiesen - dem typischen Unterwuchs dieser Baumbestände. Dieser Wiesentyp entstand mit der Stallhaltung von Rindern, um Heu und das Öhmd als Futter zu gewinnen. Heute verschwinden diese artenreichen Wiesen immer mehr - trotz vieler Initiativen von Naturschutzverbänden, dem Verein "Blumenwiesen-Alb", den Initiativen und Projekten wie die Aufpreisinitiative "Feines von Reutlinger Streuobstwiesen", dem "Schwäbischen Streuobstparadies", "Apfelbaumpaten". Sie alle suchen nach Strategien, Streuobstbestände und die dazu gehörigen zweischürigen Blumenwiesen zu erhalten.

Diese zeichnen sich durch bestimmte Kennarten wie Wiesen-Glockenblume, Wiesen-Flockenblume, Wiesen-Bocksbart, Wiesen-Salbei und Zottiger Klappertopf aus. Die über 70 Blütenpflanzen sind die Grundlage einer reichen Insektenwelt. Vor allem Honigbienen profitieren davon. Sie bestäuben über 50 Prozent der Obstbaumblüten. Deshalb sind die Baumwiesenbesitzer dankbar, wenn ein Imker seinen Bienenstand aufstellt. Für Steinkauz, Wendehals, Gartenrotschwanz und Grünspecht sind Streuobstbestände ein überlebenswichtiges Sekundärbiotop bei der Suche nach Brut- oder Nahrungsplätzen.

Lenkt man den Blick nach oben, entdecken Kenner alte Obstsorten wie "Wildedele" oder "Betzinger Grünapfel". "Streuobst" steht für verstreut wachsende hochstämmige Obstbaumwiesen, eine etwa 200 Jahre alte Kulturlandschaft. Sie wurde aus "landesväterlicher Vorsorge" durch "Generalskripte" angeordnet und breitete sich vor allem im Braunjurahügelland der mittleren Voralb aus. Die Dörfer umgaben sich mit einem Gürtel von Obstbaumwiesen, die der Selbstversorgung und Vermarktung dienten: Obst, Kompott, Most, Saft und Obstschnäpse. Deshalb sind sie auch heute noch von hohem landeskulturellem Wert.

Wir können uns freuen, dass unser Wohngebiet noch "wie ein Dorf" von Baumwiesen umgeben ist, wenn auch Gefahren drohen. Nicht alle "Gütle" werden als typische Obstwiesen genutzt und gepflegt, manche werden überpflegt und zu kurz geschorenen Freizeitparks umgenutzt, andere verbuschen und manche werden Bauplatz oder müssen Straßen weichen. Letzteres ist der Grund, dass allein von 1965 bis heute ein Rückgang der Obstbaumbestände von über 30 Prozent zu beklagen war. Aktuell gefährdet der Feuerbrand, eine Bakterieninfektion, vor allem Birnen-, Quitten- und Apfelbäume. Inzwischen hat man ihren Wert erkannt. Viele Streuobstbestände sind in Landschaftsschutzgebiete einbezogen, auch die Baumwiesen bis zum Breitenbach sind besonders erhaltenswert, da sie als Pufferzone zum nahe gelegenen Naturschutzgebiet Listhof wichtig sind. Obstbaumwiesen sind Lebensraum für bedrohte Kleinsäuger, Vogel-, Spinnen- und Insektenarten, von denen bis zu 1000 Arten in alten Baumbeständen leben. Für Wohngebiete mildern die lockeren Baumbestände Wind, Hitze, Kälte und verhindern die Erosion in den Hanglagen.

Im Oktober wird geerntet. Die Gütlesbesitzer fahren Äpfel und Birnen säckeweise weg, lagern das Obst ein oder bringen es den Keltereien. Doch viel Obst bleibt ungenutzt am Baum oder verfault am Boden. Nur wenige Spaziergänger nehmen Fallobst in Taschen mit. Wir helfen, die Streuobstwiesen zu erhalten, wenn wir heimisches Obst und heimischen Saft kaufen und durch Mähen unseren Beitrag leisten. Reutlingen sollte sich vermehrt um den Erhalt dieser Restbestände kümmern, um das Umfeld einer Großstadt erlebenswert zu halten.

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