Reutlingen/Memmingen Impulse fürs Musikleben Der Komponist Karl Michael Komma ist mit 98 verstorben

Er prägte das Musikleben der Stadt wie kaum ein anderer mit: der Reutlinger Komponist Karl Michael Komma. Foto: Archiv
Er prägte das Musikleben der Stadt wie kaum ein anderer mit: der Reutlinger Komponist Karl Michael Komma. Foto: Archiv
Reutlingen/Memmingen / OTTO PAUL BURKHARDT 26.09.2012
Er war lange Jahre Mitgestalter und Impulsgeber des Reutlinger Musiklebens: Am Sonntag ist der Komponist und frühere Hochschullehrer Karl Michael Komma mit 98 Jahren in Memmingen verstorben.

Noch im hohen Alter von 90 Jahren hielt er Vorträge, gab Klavierabende im Ringelbach und Orgelkonzerte in St. Wolfgang. Karl Michael Komma war viele Jahrzehnte eine Art spiritus rector des Reutlinger Musiklebens. Am Sonntag starb er im Alter von 98 Jahren in Memmingen, wo er seit einigen Jahren lebte.

1913 in Asch geboren (Tschechien), hatte Komma in Prag Klavier und Komposition bei Fidelio Finke, Gustav Becking und George Szell studiert und setzte seine Studien in Heidelberg bei Heinrich Besseler und Wolfgang Fortner fort - er promovierte dort über den böhmischen Frühklassiker Johann Zach. Nach der Flucht kam Komma in den frühen 50er Jahren nach Reutlingen. 1954 - vier Jahre nach dem Orchestergründer Hans Grischkat - erhielt er eine Professur an der Musikhochschule Stuttgart. Dort lehrte er dreieinhalb Jahrzehnte - neben Kollegen wie Hermann Reutter, Johann Nepomuk David und Karl Marx.

Als Impulsgeber und Organisator war er fürs Musikleben der Stadt Reutlingen eine wichtige Größe. 1968 bis 1973 war er Vorsitzender des Kuratoriums beim Schwäbischen Symphonie-Orchester. Er setzte sich in den 80ern für eine Umbenennung des Klangkörpers in Württembergische Philharmonie Reutlingen ein: "Der Stammesbegriff schwäbisch", befand Komma, sei "für ein Symphoniorchester nicht sehr glücklich". Er wurde 2003 Ehrenmitglied des Orchesters.

1969 gründete Komma die bis heute bestehende Reihe "Musica Nova". Und bis 1989 prägte er diesen Veranstaltungszyklus als künstlerischer Leiter. "Neue Musik", so hieß seine Maxime, "muss dem Publikum, das als Abonnementspublikum ungemein treu ist, in homöopathischen Dosen eingeflößt werden." Auch an der Gründung der Musikschule 1970 und der Reutlinger Musiktage 1981 war Komma maßgeblich beteiligt. Zudem war er ein passionierter Hobbyzeichner und Limerickdichter.

Sein kompositorisches Credo lautete: "Du sollst nie vergessen, dass du für Menschen komponierst." Charakteristisch für seinen kompositorischen Ansatz ist der Bezugsreichtum seiner Werke, in denen er häufig Bruchstücke aus Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte aufgreift - viele seiner Werke rekurrieren auf Dufay oder Debussy, auf Novalis oder Rimbaud. Japanische Haikus finden sich neben Nonsens-Songs, und das Spektrum der vertonten Texte reicht von Hölderlin bis Härtling.

In seinem umfangreichen Oeuvre verläuft die Entwicklung von tonal bis freitonal, von Reger über Hindemith bis Bartók. Regers Mozart-Variationen rechnete er zu seinen Lieblingswerken. Komma zählte sich nie zur Avantgarde, er bevorzugte kleinere Formen. Auf Platte und CD ist sein Werk auszugsweise gut dokumentiert. Kommas Methode, Traditionsfragmente zu integrieren, kann als "postmodern" verstanden werden. 1988 schreibt er: "Die Gefährdungen der eigenen Sprache durch die Kenntnis der Geschichte und die Faszination großer Stile und Werke der Vergangenheit haben mir Mühe genug gemacht, aber auch Vergnügen bereitet."

Neuere Forschungen etwa von Fred Prieberg sehen den Komponisten in den 30er und 40er Jahren zeitweise im Fahrwasser der nationalsozialistischen Ideologie: So schrieb Komma von den "undeutschen Verzerrungen" des Brucknerschen Erbes "in den Symphonien des mährischen Juden Mahler" und komponierte 1940 einen Widmungschor "Dem Führer". In seiner Autobiografie "Lebenswege" (1999) nimmt Komma dazu Stellung: "Ich habe wegen der Komposition dieses Chorsatzes, der vermutlich nie aufgeführt worden ist, zu keiner Zeit Schuldgefühle empfunden, seit dem Bewusstwerden der grauenvollen Konsequenzen des Regimes ist er für mich ein Ausdruck unserer Ahnungslosigkeit und unseres Getäuschtseins."

In Reutlingen und in der ganzen Region hat Komma als einflussreicher Pädagoge und geistreicher Musikhistoriker viele heute prominente Schüler mitgeprägt. Eins seiner zehn Gebote für junge Komponisten lautet (1989): "Lerne von den Großen, die das Aktuelle mit dem Zeitlosen zu verbinden wussten, die vermochten, Zeitbedingtes durch ihre Kunst über die Zeit hinaus gültig zu machen."

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