Pfullingen Im Häs in eine andere Welt

Die Masken in den Händen, den Spaß im Sinn: Anja Rümelin, Jürgen Taigel, Diana Volz und Manuel Elting.
Die Masken in den Händen, den Spaß im Sinn: Anja Rümelin, Jürgen Taigel, Diana Volz und Manuel Elting. © Foto: Evelyn Rupprecht
Von Evelyn Rupprecht 10.01.2019

Regen ist Mist. Wird’s zu nass, geht bei den Uschlaberghexa im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr. „Dann kommen wir ins Schwimmen“, sagt Anja Rümelin mit Blick auf ihre mächtigen Strohschuhe. „Die werden dann nämlich zu Booten“, erklärt sie lachend. Doch wenn’s trocken ist und bitter kalt, sind die Stroh-Überzieher Gold wert. Mollig warm ist es dann in den Schuhen  – so wie auch der Rest des Häs’ Schutz bietet vor eisigen Temperaturen. Über den roten Woll-Stulpen und langen weißen Unterhosen türmen die Pfullinger Narren derbe Röcke und grellgelbe Schürzen,  rote Tücher schultern sie über grauen Pullovern und die Krone setzt alledem noch die Maske auf:  Die soll die Urschel, eine alte Berghexe, die der Sage nach einst hoch über Pfullingen ihr Unwesen trieb, darstellen. Tatsächlich steht das Häs nicht nur fürs Pfullinger Brauchtum, es ist auch äußerst effektiv. „Wenn wir mal wieder zwei Stunden auf einem Umzug rumstehen und warten, bis es los geht, dann frieren wir eigentlich nie“, berichtet  Chef-Hexe Rümelin.

Doch warum tun sich Menschen das an? Warum verkleiden sie sich bis zur Unkenntlichkeit und geben sich Jahr für Jahr vom Häsabstauben Anfang Januar bis zur Fasnets-Verbrennung am Abend vor Aschermittwoch diesen Stress? „Weil wir Spaß daran haben und vor allem, weil wir anderen Spaß bringen wollen. Im Häs kannst du Schabernack treiben, den du sonst nie machen würdest“, erklärt Diana Volz, die Schreiberhexe, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Ich habe mich von Kindesbeinen an das ganze Jahr über verkleidet. Und dann, vor 20 Jahren, als sich die Uschlaberghexa gegründet haben, war klar, dass ich dabei bin“. Volz ist seitdem „dem Reiz erlegen, mal anders zu sein als sonst.“ Einfach abzutauchen in eine andere Welt.

Pünktlich zum Fasnetsauftakt ist aus der Einkaufssachbearbeiterin auch heuer wieder eine Urschel geworden – und die sitzt nun beim Gespräch mit unserer Zeitung brav auf einem Redaktionsstuhl und schwitzt mächtig in ihrem Häs. Ähnlich ergeht es der Vereins-Chefin Anja Rümelin, im richtigen Leben Erzieherin, dem zweiten Vorsitzenden, Jürgen Taigel, der eigentlich Vollzugsbediensteter ist, und dem Tischlermeister Manuel Elting. Letzterer ist nicht nur Zunftrat, sondern auch Zugezogener. Der Mann stammt aus dem Münsterland, ist der Liebe wegen ins Echaztal gekommen – und kannte bis zum Jahr 2014 nur den Düsseldorfer und den Mainzer Karneval. Zugegebenermaßen etwas größere Veranstaltungen als die hiesigen Umzüge – „aber Masken haben die dort eben nicht“, hat Elting nach seinem Umzug ins Schwabenland schnell die Vorzüge der Fasnet erkannt. „Ich finde es wichtig, dass man sich mit der Figur, die man verkörpert, auseinandersetzt“, sagt er, der „nie ein Wolf geworden wäre, weil man sich als Hexe einfach vielmehr erlauben kann“. Ähnlich geht’s Jürgen Taigel, der schon 1996 beim ersten Info-Abend für Hästräger in Pfullingen dabei war. „Als Hexe kannst du die Leute ärgern“, meint Taigel, der aber, wie seine Mithexen, großen Wert darauf legt, dass dabei keine Grenzen überschritten werden. „Wenn du merkst, dass jemand das nicht will, dass du ihm die Schubändel aufmachst oder ihn rumwirbelst, dann musst du sofort aufhören“, sagt der Pfullinger, dessen ganze Familie mitmacht bei der Narretei. Er hat nicht nur eine Ehefrauen-Urschel zu Hause, sondern auch noch zwei „geborene Hexen“. Taigels Töchter wurden, kaum waren sie auf der Welt, im Verein angemeldet und schon im Kinderwagen bei Umzügen mitgeschoben. Und auch das ist es, was für die Vereinsmitglieder die Fasnet und das Häs bedeuten. „Es ist die Gemeinschaft, die zählt, das Miteinander. Hier sind Freundschaften entstanden“, erklärt Anja Rümelin, die zusammen mit den 45 anderen Aktiven – 115 Mitglieder hat der Verein insgesamt – derzeit Wochenende für Wochenende unterwegs ist. Eine Veranstaltung jagt die nächste. Münsingen, Schellbronn, Aichtal, Berkheim, St. Johann und Gomaringen sind die nächsten Stationen. Danach geht’s Schlag auf Schlag weiter, mal laufen die Uschlas im Umzug mit, mal sind sie zu Brauchtumsabenden eingeladen, dann wieder sind sie als Kassiererinnen unterwegs – so wie am 26. Januar in Sickenhausen. Vor allem zwischen dem Schmotziga Doschdig und dem Fasnets-Dienstag kommen sie kaum mehr zur Ruhe.  Von der Schlafkluft geht’s direkt ins Hexen-Häs und nachts retour. In der heißen Phase bleibt der Haushalt liegen und die Straßenkleidung auch. Umso heftiger kommt dann mit der Fasnetsverbrennung der Abschiedsschmerz. „Das ist dann wirklich traurig“, sagt Anja Rümelin. „Wobei wir alle ja zum Glück immer noch zur Züricher Fasnet reisen, die eine Woche später ist als unsere“. Der Ausflug in die Schweiz und die Tatsache, dass in diesem Jahr gleich drei Hexen-Hochzeiten sind, bei denen die Uschlas Spalier stehen, dürften den Schmerz zum Fasnets-Ende etwas mildern. Zumal die Hexen gleich nach der aktuellen Session bereits mit Planen anfangen. Denn ihren eigenen Umzug machen sie alle zwei Jahre – und 2020 ist es soweit: Pfullingen wird wieder komplett in Narrenhand sein.

Die Menschen hinter den Masken

Mit dem Häsabstauben ist die Fasnet so richtig in Schwung gekommen. In unserer Serie „Die Menschen hinter den Masken“ wollen wir in lockerer Folge nicht nur die einzelnen Zünfte vorstellen, sondern sprechen mit den Hästrägern auch über ihre Sicht auf die Fasnet und ihre Motivation.

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