Reutlingen Im Dschungel der Schulformen

Die Thematik der Gemeinschaftschule sorgte für hitzige Diskussionen unter den Lehrern: Fachreferent Karl Höchner und Angela Keppel-Allgaier, Mitglied des Kreisvorstands der GEW, argumentierten mit. Foto: Mareike Manzke
Die Thematik der Gemeinschaftschule sorgte für hitzige Diskussionen unter den Lehrern: Fachreferent Karl Höchner und Angela Keppel-Allgaier, Mitglied des Kreisvorstands der GEW, argumentierten mit. Foto: Mareike Manzke
MAREIKE MANZKE 11.03.2014
Studien, Fakten, Meinungen und Erfahrungswerte zur Gemeinschaftsschule tauschten die Teilnehmer der Pädagogikreihe der GEW aus. Der Grundtenor unter den Lehrern blieb allerdings skeptisch.

Vom Prinzip her die richtige Antwort auf die veränderte Schülerschaft, aber an der konkreten Umsetzung hapert es, so könnte man den Info-Abend der Bildungsgewerkschaft GEW zur Gemeinschaftschule in der Eichendorff-Realschule zusammenfassen. "Allein gelassen" und "überfordert" fühlten sich viele der Lehrer.

Die Vorteile für ein längeres gemeinsames Lernen liegen klar auf der Hand. Karl Höchner, Referent des Abends, der Fachberater zur Begleitung von Gemeinschaftsschulen am Regierungspräsidium ist, präsentierte diese ausführlich. Die Bildungsgerechtigkeit soll maßgeblich erhöht werden, denn ein Akademikerkind hat im Vergleich zu einem Facharbeiterkind mit gleichen kognitiven Fähigkeiten immer noch eine drei Mal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen. Je nach Bildungsgang entwickeln sich identische Kinder allerdings unterschiedlich. Zudem deckte eine Studie die Zuordnungsproblematik auf. Die besten Hauptschüler können demnach mit den schlechteren Gymnasiasten gut mithalten. Und obwohl wir laut Rita Süßmut "Weltmeister im Selektieren" sind, schnitt Deutschland bei der Pisa-Studie im Vergleich mit anderen Ländern, die Gemeinschaftsschulen haben, nur mäßig ab. "Mit unserer Selektion erhöhen wir nur unterdurchschnittliche Ergebnisse", war Höchner überzeugt.

Außerdem könnten laut Berechnungen durch die Gemeinschaftsschule drei Viertel aller Schulstandorte gehalten werden, betonte Höchner. Die Schulform verspricht individuelles Lernen ohne Noten- oder Versetzungsdruck. Das Kind steht im Mittelpunkt. Die Gemeinschaftsschule ist daher auch als Ziel im Koalitionsvertrag der grün-roten Landesregierung festgehalten.

"Die Realität sieht anders aus", korrigierte der Fachberater. Statt eines einheitlichen Symstems sei ein "Potpourri" an Schulformen geschaffen worden. Mit der Eduard-Spranger-Schule hat sich auch Reutlingen bereits auf den Weg gemacht. Auf die Frage nach dem angekündigten "Bildungsaufbruch" stellte auch Wolfgang Kargl, Vorsitzender der Kreis-GEW, fest: "Es ist viel Stückwerk entstanden." An der handwerklichen Umsetzung habe es zudem gemangelt.

Nicht vorbereitet auf den Umbruch fühlte sich in der Diskussion ein Lehrer der Eichendorff-Realschule. Seine Kollegin beklagte, dass neben dem normalen Lehralltag eine zusätzliche Konzepterstellung nicht möglich sei. Bereits jetzt schon arbeite das Kollegium am Rande der Kapazität. Mehr Personal bei kleineren Klassen forderten daher alle Pädagogen.

Vor einem Konkurrenzkampf unter den Lehrer der unterschiedlichen Schulformen warnte eine Bad Uracher Gemeinschaftsschullehrerin. "Es geht um die Schüler, nicht die Schulart, die wir retten müssen." Sie könne aber verstehen, dass viele bei der Wahl ihres Studiums andere Vorstellungen von ihrer künftigen Schülerschaft hatten, räumte sie ein. Angesichts der Tatsache, dass das Gymnasium parallel neben der Gemeinschaftschule weiterexistieren soll, sprach eine andere Lehrerin von der Gemeinschaftsschule West in Tübingen von einer "realen Restschule".

"Wir beginnen etwas, von dem wir nicht wissen, wie es weiter geht", bemängelte eine Pädagogin des BZN, das demnächst über die Zukunft der Schule abstimmen wird. Irgendwann müsse doch nach Abschlüssen selektiert werden, aber ihr sei völlig unklar, wie das genau ablaufen werde. Trotz Verständnis für die Klagen ermunterte Kargl, auch die Chancen des Umbruchs zu sehen. "Endlich bekommen wir den Raum zu gestalten." Die Kollegen, die den Schulentwicklungsprozess bereits durchlaufen haben, machten ebenfalls etwas Mut. Auch wenn die Arbeitsbelastung auf Dauer nicht haltbar sei, erlebe er die Gemeinschaftsschule als Bereicherung für Lehrer und Schüler, führte ein Teilnehmer der Eduard-Spranger-Schule aus.