Reutlingen Im Blindflug über die Straße

Von Evelyn Rupprecht 22.09.2018

Die Wangen der jungen Balingerin leuchten in einem kräftigen Rot, kleine Schweißperlen glänzen auf ihrer Stirn – und das wohl nicht nur, weil dieser Spätsommernachmittag ihr mächtig einheizt. Vor allem der Umstand, dass sie ausgerechnet jetzt, da sie im fahrenden Auto das Handy am Ohr hatte, in eine Polizeikontrolle geraten ist, dürfte ihr zusetzen. Führerschein und Fahrzeugschein möchte die Beamtin, die sich gerade zum Fenster an der Fahrerseite herunterbeugt von ihr sehen. Die Balingerin lächelt, nickt – und sieht ein, dass sie einen Fehler gemacht hat. „Ich hätte die Freisprechanlage einstellen sollen bevor ich losgefahren bin“, erklärt sie schuldbewusst. Dass sie jetzt nicht nur angehalten und kontrolliert wird, sondern auch die Strafe auf dem Fuße folgt, erscheint ihr logisch. „Das ist schon richtig so“, sagt sie und meint damit die Tatsache, dass sie demnächst einen Punkt in Flensburg bekommt und auch noch 100 Euro plus Verwaltungsgebühr zahlen muss. So einsichtig ist zwar nicht jeder, der an diesem Donnerstagnachmittag in die Polizeikontrolle an der Ecke Ferdinand-Lassalle- und Auchtertstraße hineinrasselt. Immerhin aber verlaufen die Gespräche zwischen Beamten und Autofahrern allesamt weitgehend freundlich.

„Ablenkung im Straßenverkehr“ ist das Thema der bundesweiten Verkehrsüberwachungsaktion, die an diesem Septembertag auch im Bereich der Polizeidirektion Reutlingen läuft. Von 6 Uhr bis Mitternacht kontrollieren die Beamten an mehreren Stellen in den Landkreisen Reutlingen, Esslingen und Tübingen stationär, aber auch mobile Einsätze sind geplant. „Das machen wir vor allem zu Präventionszwecken“, erläutert Martin Raff von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit das Tun seiner Kollegen. Denn ein Handy, das nicht über eine Freisprechanlage genutzt wird, kann einen Autofahrer  extrem ablenken. „Wenn Sie bei einem Tempo von 50 Stundenkilometern eine Sekunde nicht aufpassen, legen Sie 14 Meter im Blindflug zurück“, weiß Raff. Was innerhalb eines derartigen „Blindflugs“ alles passieren kann, mag man sich lieber nicht ausmalen. „Aber wir wollen hier auf diese Gefahren aufmerksam machen und die Autofahrer dafür sensibilisieren, dass sie nicht nur für ihre eigene Sicherheit, sondern auch für die der anderen Menschen verantwortlich sind“, erklärt der Polizeisprecher. Dass ein Fahrzeuglenker mit Smartphone am Ohr 100 Euro und ein Fahrradfahrer fürs selbe Vergehen 55 Euro zahlen muss und die Kontrollen damit auch ein erkleckliches Sümmchen einbringen, sei angesichts des Aufklärungscharakters der Aktion nur ein Nebeneffekt. Weshalb an diesem Tag auch Fahrer, die nicht angegurtet sind oder die mit nicht mehr verkehrssicheren Gefährten unterwegs sind, angehalten werden. Die meisten von ihnen dürften die beiden Zivil-Polizisten, die sich unauffällig unter einer Brücke als „Vorposten“ aufgestellt haben, gar nicht bemerken. Sie aber sind es, die per Funk die Kennzeichen durchgeben, damit ihre Kollegen 100 Meter weiter die entsprechenden Verkehrssünder rauswinken können.

Nach den beiden Kontroll-Stunden werden sie zehn Fahrer, die das Handy ohne Freisprechanlage nutzten, acht, die nicht angeschnallt waren und zwei mit Autos ohne gültige Betriebserlaubnis, gezählt haben.

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