Reutlingen Im Blautopf der schwäbischen Seele

Ernst (Mantel, rechts) und Heinrich (Heiner Reiff) zu Gast bei den Mundart-Wochen. Foto: Kathrin Kipp
Ernst (Mantel, rechts) und Heinrich (Heiner Reiff) zu Gast bei den Mundart-Wochen. Foto: Kathrin Kipp
KATHRIN KIPP 06.03.2012
Eine "donderladdige" Show boten Ernst und Heinrich vor 160 Zuschauern in der Volksbank - mit schwäbischem Witz, Charme und Blues. "Schnäpple-City" heißt ihr bekennend "nivoohloses" Programm.

Es gäbe "zuviel Nivooh, Tiefe und Gespür", jammern sie: Ernst Mantel und Heiner Reiff haben deshalb nicht nur unheimlich wenig Niveau im Gepäck, sondern auch ihre gesamte Gitarrensammlung: große Gitarren, kleine Gitarren, schwäbische Gitarren und hawaiianische Gitarren. Und welche mit viel, welche mit wenig Tiefgang.

Gespielt wird der "schwäbisch-internationale" Liederabend trotzdem mit viel Gespür. Und zwar fürs Ländliche in allen Versionen: Country, Folk, Volksmusik. Doch die beiden haben auch einen mordsmäßigen Blues und einen amtlichen RocknRoll. Und zum Ländlern geht man in den Baumarkt. Dort erst findet der Schwabe seine Erfüllung, auf seiner Flucht vor zuviel Qualität und Anspruch: "Im Fernsehn und im Radio und in der Politik sowieso: zuviel Nivooh. Do misse mer was dooh."

Sonst, meint das Duo, geht die Welt unter. Und so steht das "pfundige" Gespann auf der Bühne, kämpft gegen den Weltuntergang und für "erschwingliche Utopien". Kaufen tut man die in Schnäpple-City. Die beiden Schnäpplesjäger sind auf ihrer Expedition durch den abgründigen "Blautopf der schwäbischen Seele" dialektisch unterwegs, aber auch ganz up to date. Es geht um Globalisierung - "I mach mai Cäsch in Bangladesch", um Schwaben im Ausland, und um die daraus resultierende Entschleunigung.

Von der kann so manche "Sofakardoffel" (neudeutsch für Coachpotato) ein Lied singen: "Weil mer sich mit Schaffe au da schenschda Tag versaua ka." Und tatsächlich: Ernst und Heinrich sind alles andere als hektisch, klopfen vielmehr ganz gemächlich "uff da Butz" und repräsentieren den leicht arbeitsscheuen, dafür aber künstlerisch unheimlich begabten "Lombasiach", der - ausgestattet mit einem ansehnlichen Schimpfwortschätzle - all das aufgeregte, zapplige, erfolgsorientierte und schnäppchengeile Streben des Menschen parodiert.

Kurz, der (Schwaben-)Blues kommt bei Ernst und Heinrich locker, leicht und luftig daher, mit viel Gitarrengezupfe und Fingerpicking, Silde, Steel, Hall und Plingpling.

Und so jagen die "vollschlanken Erdaschlamper" in ihrer "donderladdigen Schow" ihre Musik "durch den Quintenzirkel", packen dann doch noch ein bissle Nivooh aus und geben sich hochphilosophisch: "Der Mensch ist ein Sucher."

"Wenn er grad nicht den Sinn des Lebens sucht", dann eben seinen Schlüssel. "Und wenn er nix Bestimmtes sucht, dann sucht er halt pauschal."

Ernst und Heinrich pflegen ein sehr neckisches Schwäbisch, alles andere als altbacken, und außerdem auch noch total modern videounterstützt: Immer wieder schalten sie "live" in die Schwaben-"Diaschbora", wo unter anderem "Artschi und Sandy Geigerle-Schlipf" aus dem afrikanischen Busch Grüße an die "einfachen, aber herzlichen" Reutlinger senden.

Sie sind auf Safari durch die "naturbedrohte Wildnis" und haben Kontakt zu echten Einheimischen, die aber leider etwas "primitiv" seien und auch den Kilimandscharo-Cocktail "a bissle päb eischenket". So sind halt die Schwaben: "Die Welt isch unser Ziel. Und mog uns koiner auf der Welt, hen mir no immer onser Geld."

Und so wissen die Schwaben immer, wo ihre Heimat ist: "Home, wo we belong", singen vier schwäbische Leinwand-Cowboys auf ihrer Ponderosa, während sich sogar McDonalds den regionalen Gepflogenheiten anpasst, mit "McLeberkäs, McBackschdoikäs, McSchwartämagä und LKW Royal TS". Aber das ist wohl nur eine dieser erschwinglichen Utopien. Viel Applaus.