Klassik Im besten Sinne Weltmusik

Und zum Abschluss gab’s Ravels „Bolero“: Die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter Chefdirigent  Fawzi Haimor begeisterte beim Neujahrskonzert in der Stadthalle.
Und zum Abschluss gab’s Ravels „Bolero“: Die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter Chefdirigent  Fawzi Haimor begeisterte beim Neujahrskonzert in der Stadthalle. © Foto: Foto: Christina Hölz
Reutlingen / Von Otto Paul Burkhardt 15.01.2019

Techno-Beats, lässiger Swing und voller symphonischer Breitleinwand-Sound: Was will man mehr bei einem Neujahrskonzert. Und was da so alles im Kopfkino vor dem geistigen Auge Revue passiert! Die U-Bahn in Manhattan, Verbunkos-Tänze aus Ungarn, argentinische Gauchos, Viehherden im Stampede-Fieber, ruppige New Yorker Straßengangs und rauschhaftes spanisches Kolorit – kurz: Weltmusik! Und, Hand aufs Herz, so macht- und kraft- und prachtvoll hat man das Orchester selten gehört.

Schon allein Fawzi Haimor am Pult: Wie er federt, springt und tanzt, wie er sein Orchester animiert – mit klaren rhythmischen Ansagen oder weich fließenden Armbewegungen. Alles in allem, die Württembergische Philharmonie zeigte sich am Montag in der Stadthalle in Bestlaune. Ja, so kann das Jahr 2019 beginnen.

Vor allem auch mit der Erkenntnis: Es müssen nicht immer dieselben Neujahrsheuler sein, wie sie eh‘ überall abgenudelt werden. Nein, die Philharmonie unter Haimor riskiert lieber was, setzt auf die oft unterschätzte Neugier des Publikums, spielt fast durchweg Musik aus dem 20. Jahrhundert. Und eröffnet auch noch mit einem Gegenwartsstück – mit „Mothership“ des US-Amerikaners Mason Bates.

Schon die Uraufführung 2011 in Sydney war ein globales Medienereignis, mitverfolgt im Netz von knapp zwei Millionen Menschen. Bates lebt ein Doppelleben, ist klassisch examinierter Juilliard-Absolvent und gleichzeitig als „DJ Masonic“ nächtens in den Clubs unterwegs. Zudem wohnt er, wie uns Haimor im Interview verriet, „zirka 20 Minuten von mir entfernt in der Bay Area“.

Es geht um „das Andocken“ von Solisten an das „Mutterschiff Orchester“ – und im Gegensatz zur Uraufführung, wo sich auch E-Gitarre und chinesische Guzheng-Zither einschalten, beschränkte Haimor die Zahl der Soloeinlagen. Aber mit tollem Ergebnis: Ultramarinblau illuminiert, klingt der durch wummernde, zugespielte Techno-Beats vorwärts getriebene Orchestersound schon fast eher nach Raumschiff als nach U-Bahn, angereichert durch bluesig aufgeraute Klezmer-Ausflüge der Klarinette und ein geradezu singendes Cello-Solo. Massive Attacken wechseln mit breiten Klangflächen, groovige Rhythmen mit messerscharfem Blech – ein Erlebnis. Gut, „Mothership“ geht ins Ohr wie Filmmusik, aber bietet eben weit mehr Kanten und Schrägen als das, was gemeinhin als massentauglicher „Crossover“ verkauft wird. Das Aufwärts-Glissando hört sich fast so an, als wenn das pulsierende „Mothership“ zum Lift-Off in den Weltraum ansetzt. Mehr davon!

Noch ein Pluspunkt: Mit Noah Bendix-Balgley, dem ersten Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, war beim Neujahrskonzert ein first-class-Solist zu Gast. Er zeigt in Béla Bartóks Rhapsodie Nr. 1 (1929), wie folkloristische Motive klingen können, wenn sie noch nicht geglättet, gesäubert und zurechtpoliert wurden. Unbehauene Juwelen sozusagen.

Wir hören musikethnologische Fundstücke aus der ländlichen ungarischen Provinz, Klänge, in denen die Dur-Moll-Welt außer Kraft gesetzt ist – einen Verbunkos-Tanz, den Bartók raffiniert modern harmonisiert und in Szene gesetzt hat. Und über allem agiert ein Solist, der mit seidigem Ton aufhorchen lässt, aber auch derart mit rhythmischer Verve zur Sache geht, dass die Bogenhaare fliegen. Mit „Estancia“ (1943), einer Ballettsuite von Alberto Ginastera, beamen wir uns dann in die argentinische Pampa, wo eine ganze Rinderherde außer Rand und Band gerät. Toll, wie Haimors Orchester mit Furor und Trommeldonner einen Latin-Western inszeniert, in dem eine rührende Lovestory nicht fehlen darf – wunderschön die Flötenkantilene, samtig der Streicherglanz, allerfeinst das Solo des WPR-Konzertmeisters Timo de Leo.

Bis dann das furiose Rodeo-Finale losbricht, bei dem die Kontrabässe in Bigband-Manier ihre Instrumente wild um die eigene Achse kreiseln lassen – und bei dem das Orchester einen Malambo in die Halle fetzt, dass die Wände wackeln.

Derart aufgeheizt und reizüberflutet tut eine Pause gut. Zeit, um ein bisschen downzucoolen. Denn danach geht’s unvermindert heftig weiter – mit Leonard Bernsteins „Symphonic Dances from West Side Story“ (1961). Unter Haimor hat das Orchester just in dieser Sparte nochmal einen gewaltigen Entwicklungssprung nach vorne getan. Hier cooler Groove, Bebop und Fingerschnipsen, dort Mambo-Gebrüll und verschärfte Gang-Rangeleien im „Rumble“-Gerempel. Und mittendrin der große, auratische „Somewhere“- und „Maria“-Zauber – überirdisch in gefühlt vierfachem Pianissimo.

Lässt sich das noch toppen? Da hilft ein Schritt zurück ins 19. Jahrhundert als vergleichsweise beruhigender Gegensatz: „Introduction et Rondo capriccioso“ (1867) von Camille Saint-Saëns. Ein weiterer Konzertsaal-Hit, bei dem Noah Bendix-Balgley schlichtweg mitreißend agiert – mit hoch delikater Tongebung und einer geradezu spielerisch wirkenden Top-Virtuosität. Keine Spur von Pathos, Pomp und Selbstinszenierung: Man merkt eben, dass Bendix-Balgley auch ein Orchestermusiker ist. Das mitgerissene Publikum fordert die erste Zugabe – und bekommt die Gavotte aus Bachs dritter Partita: schwebend-leicht, filigran, tänzerisch beseelt, wie ein Traumgebilde.

Schließlich Maurice Ravels „Boléro“ (1930) – immer ein Knüller. Und eine Herausforderung. Haimor präsentierte das geschlagene 340 Takte lange Crescendo sogar in einer individuellen Sitzordnung und platzierte den Mann an der kleinen Trommel, der hier fast 15 Minuten lang das Tempo halten muss, wie einen Solisten vorne an die Rampe. Wie war’s? Grandios. Der reinste Catwalk für die bestens spielgelaunten Orchestersolisten. Aber auch rhythmisch: Haimor wahrte contenance, verfiel nicht in den beliebten Fehler, zu beschleunigen, und kreierte so mit dem Orchester einen gaaanz langsam sich steigernden Rausch der Sinne. Eine sogartige Monotonie, die am Ende gefährlich ins Monströs-Maschinenhafte umzukippen droht. Glänzend gemacht – bis zum full stop der Elefantenherde. Viel Jubel, viel Beifall und sogar eine Orchester-Zugabe – „Tico Tico“. Alles in allem: ein starker Start. Mit diesem Schwung, mit diesem Bekenntnis zur Vielfalt lässt sich das neue Jahr gut beginnen.

Das Orchester und die Zukunft

Gemischte Gefühle. Irgendwo zwischen Aufbruch und Abschied  bewegte sich die Stimmung beim Neujahrsempfang der Württembergischen Philharmonie. Einerseits, klar: Der positive Schub, den Chefdirigent Fawzi Haimor seit seinem Amtsantritt 2017 mitgebracht hat, ist deutlich greifbar. Anderseits: OB Barbara Bosch, die viel für die Kultur und das Orchester bewirkt hat, hört auf – und so war auch ein wenig Wehmut spürbar.

Denn ob die Philharmonie  weiterhin mit so viel Elan gefördert wird wie unter Bosch, scheint in politisch derart kippligen Zeiten wie heute nicht sicher. Zudem musste Intendant Cornelius Grube eine vom Landtag beschlossene „globale Minderausgabe“ vermelden, derzufolge das Orchester 50000 Euro weniger als bisher erhielt. Begründet wurde diese Kürzung vom Land damit, dass die  Philharmonie besonders erfolgreich agiere. Weil das Reutlinger Orchester also gut gewirtschaftet hat, wird der Zuschuss beschnitten. Eine Argumentation, die auch Grube – zu Recht – „ausgesprochen zynisch“ findet. Wie auch immer, die Bilanz des Intendanten fällt in der zweiten Saison unter Chefdirigent Fawzi Haimor gut aus. Pläne, Projekte, Reisevorhaben gibt’s jede Menge – unter anderem nennt Grube das Streaming-Projekt „Netzwerk Orchester & Schulen“, die für weitere drei Jahre gesicherte Reihe „Seelenbalsam“ für Demenzkranke, Gastkonzerte in Baden-Baden, Zürich und – zum siebten Mal bereits – im weltweit renommierten Wiener Musikvereins-Saal.

Zudem plant die Philharmonie, die bisher schon das Stadion-Open-Air bestritt, erstmals ein eigenes Sommer-Freiluftevent im Naturtheater. Brücken zu schlagen für Begegnungen mit anderen Kulturen – das sei, so Grube, auch weiterhin eine Leitlinie des Orchesters. Und dies gelte gerade in Zeiten, da kulturelle Vielfalt, Offenheit und Freiheit immer häufiger von rechtsgerichteten populistischen Parteien in Frage gestellt und angegriffen werden. Auch im OB-Wahlkampf gelte es, genau zu prüfen, welchen Stellenwert Kultur und Bildung bei den einzelnen Kandidat(inne)n einnehmen.

Die Philharmonie habe sich in der Amtszeit von OB Barbara Bosch „vom regionalen Stadtorchester zum international geachteten Klangkörper“ entwickelt. Der Bau der Stadthalle sei „entscheidend“ für diesen Prozess gewesen. So sei der Abschied von Bosch, die 16 Jahre auch Vorsitzende des Philharmonie-Stiftungsrats war,  „ein großer Einschnitt“ fürs Orchester. Zum Dank überreicht Grube ihr zwei Geschenke: aus Wien den Takstock von Ola Rudner, mit dem dieser das Eröffnungskonzert der Stadthalle am 5. Januar 2013 dirigierte, und eine Ehrenmitgliedschaft auf Lebenszeit – „ohne Probespiel“, wie der Intendant augenzwinkernd ergänzte. Bosch fasste in ihrer letzten Rede bei einem Neujahrsempfang der Philharmonie die Eindrücke des Abends begeistert zusammen: „Was geht da alles mit diesem Orchester!“ Und lobte das „richtig gute, niveauvolle Spiel“, das auch noch einen „hohen Spaßfaktor“ biete.

Boschs Resümee: „Vielfalt ist möglich!“ Fürs Orchester dankte auch Matthias Buck der scheidenden OB, deren Konzertbesuche ein „Zeichen der Wertschätzung“ seien. Und Buck warnte mit Blick auf die möglichen OB-Nachfolger(innen)  schmunzelnd: „Wir werden genau beobachten“, wie es mit solchen Besuchen weitergehe. Das Orchester schenkte der OB Musik, sprich: eine Partitur aus dem Jahr 1788 von Mozarts Jupitersinfonie. op

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