Reutlingen ILOS: Starke bauliche Verdichtung schadet den Menschen in der Oststadt

Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 13.05.2013
Alarmierende Zustände macht die ILOS, die Initiative lebenswerte Oststadt Reutlingen, in Sachen Luftverschmutzung aus. Dringlicher denn je fordern die Aktivisten deshalb, die bauliche Verdichtung zu stoppen.

Die historische Bedeutung der Oststadt ist, siehe untenstehendes Zitat, auch aus Sicht der Stadtverwaltung offenbar unbestritten. Hätte man sich daran gehalten, sagen die Vertreter von ILOS, der Initiative lebenswerte Oststadt Reutlingen, wäre schon viel gewonnen.

Doch nicht mehr nur der Bestandsschutz dieses besonderen Wohngebiets treibt die Initiativler um. Jetzt schlagen sie Alarm in Sachen Luftverschmutzung. Diese sei mittlerweile sehr viel besorgniserregender für die hier lebenden Menschen geworden: "Es geht um die Luft zum Atmen, um die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner", beklagt ILOS.

Schuld daran ist die extreme bauliche Verdichtung in diesem Gebiet. Da wurden "alte Häuser mit viel Grün und Bäumen, die auch CO2 schlucken", ersetzt durch dichte Wohnbebauung, sagt ILOS-Mitglied Agnete Bauer-Ratzel. Dabei "sind wir nicht gegen Nachverdichtung, aber in verträglichem Rahmen zugunsten der Lebensqualität". Bauer-Ratzel fordert, den Charakter und den ökologischen Wert des Wohngebiets bei der Verdichtung zu berücksichtigen: "Der Bebauungsplan muss diese Grünzonen erhalten und darf nicht nur Schamrasenflächen vorschreiben." Was allein in den vergangenen fünf Jahren hier im Investoreninteresse an Verdichtung entstand, sagt Karin Zäh, sei gravierend. Ein regelrechter "Wildwuchs" sei zu beobachten, eine Vielzahl von einzelnen Puzzlesteinen. Da werde hier ein altes Gebäude samt Grundstück geopfert, dort ein Vorgarten illegal in einen Stellplatz umgewandelt, in der Summe hunderte von neuen Wohn- und Gewerbeeinheiten geschaffen, ohne auf das Gesamtbild zu achten.

Dabei sei die schlechte Luftqualität in diesem exponierten Gebiet schon durch die Flechtenkartierung dokumentiert. "Und der ganze städtische Schmutz wird durch die Westwinde an die Achalm geblasen."

Eine neue Gefahr sieht ILOS übrigens im Südportal des Tunnels. Durch Verwirbelung und Erwärmung dort werde möglicherweise der für das Lufterneuerungssystem des Stadtgebiets wichtige Reinluftstrom aus dem Arbachtal gebremst und mit Schadstoffen befrachtet, warnte Prof. Dr. Werner Grüninger in seiner Flechtenkarte von 2010.

Dringend mahnen die Mitglieder von ILOS deshalb die Verabschiedung des lange ausstehenden Oststadtrahmenplans an. Bis dahin soll der Bau von neuen Wohneinheiten in der Oststadt gestoppt werden. Außerdem sollen Bebauungspläne für das restliche Oststadtgebiet nach dem Muster von Ost 1 + 2 aufgestellt werden. Damit soll das bisherige Vorgehen der vorhabenbezogenen Bebauungspläne, die einem "Flickenteppich" gleich das Gebiet überziehen, ein Ende haben. Und ILOS fordert weiter, dass begleitend ein Grünflächenplan erstellt wird, "damit die Menschen in der Oststadt irgendwann einmal wieder frei durchatmen können".

"Wir wollen nicht retour, aber wir wollen Achtung und Respekt vor der bisherigen Bebauung und Bepflanzung", sagen Bauer-Ratzel und Zäh. Die Hoffnung von ILOS liegt nun auf einer Ortsteilbegehung mit OB Barbara Bosch.



Zitat aus dem Bebauungsplan Ost 1+2

"Im Plangebiet gibt es noch eine große Zahl von alten, z.T. stuckverkleideten Gebäuden, die für die Entstehungszeit des Stadtteils typisch sind und von der Reutlnger Geschichte dieser Zeit der beginnenden Industrialisierung Zeugnis geben.

Sie sind zusammen mit ihren historischen Einfriedungen (Mauern und Zäunen) für das Stadtbild besonders wichtig und von geschichtlicher und künstlerischer Bedeutung.

Viele Fassadendetails und die alten Einfriedungen stellen einen besonderen Reiz dieses Stadtteils dar. Dazu gehören die teilweise hervorragend gestalteten Haustüren, Gartenpavillons und alte Wintergärten. Sehr vieles davon ist bedauerlicherweise bereits verschwunden.

In diesem Stadtteil, der durch zahlreiche Besucher, seine Lage unmittelbar am Stadtkern und die Geschichte seines Entstehens besondere Bedeutung für das Bild der Gesamtstadt hat, muss beim Entwurf mehr als das Übliche getan werden, um der Umgebung gerecht zu werden."

 

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