Mit einem flammenden Appell gegen die Wiedereinführung der Vermögenssteuer wandte sich IHK-Präsident Christian O. Erbe an die Politik. An die gesamte Gesellschaft wandte sich Dr. Klaus-Michael Mayer des Elektrokonzerns Bosch: Der Zukunftsforscher, zuständig auch für technologische Strategien, warnte vor der gefährlichen Ansammlung des Treibhausgases.

Der 60-jährige Physiker zeigte jedoch auch machbare Lösungen auf. Kurz gefasst müsse auf mehr Elektrifizierung im Verkehr, die Robotik und die künstliche Intelligenz (KI) gesetzt werden. Beim gemeinsamen Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer (HWK) begrüßte es deren Präsident Harald Herrmann, dass nun wieder ein Dutzend mehr Gewerke der Meisterpflicht unterliegen. Dies sei der Qualität förderlich.

„Wir sind leise“

Über 800 Besucher hatten sich in der Stadthalle Reutlingen eingefunden, darunter zahlreiche Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kirchen. An Stehtischen lauschten sie nach dem Impulsvortrag von Klaus-Michael Mayer einem kurzen Podiumsgespräch, an dem sich auch Prof. Dr. Katja Schenke-Layland, die Institutsleiterin am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) beteiligte.

Den Abend moderierte die Journalistin Julia Bauer. Sie gab die Bühne frei für Christian O. Erbe, der ein weltweit operierendes Unternehmen für Medizintechnik leitet - und im Ehrenamt Präsident der IHK Reutlingen ist. Nicht nur angesichts der „stärksten Umweltherausforderungen“ wundere er sich, „wie leise wir als Unternehmer sind“. So stellte er die Frage, ob man überhaupt genügend vorbereitet sei, man „innovative Gesellschaftsmodelle anbieten“ könne; und vor allem:  „Sind wir kreativ genug?“ Bei all der seit jeher so oft gelobten Risikofreudigkeit der Unternehmerschaft wandte sich Erbe an die Politik in Berlin und im Land: „Unser Lebenselixier ist Planungssicherheit, Ungewissheit lähmt uns.“

Erbe warnte: Deutschland würde „zum Höchststeuerland“, falls die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden sollte. „Opfer wäre der Mittelstand“. Insgesamt leide man unter „immer mehr und höheren Sozialausgaben“, klagte der IHK-Präsident. Mehr noch: Wenn, auch angesichts von Klima- und Handelskonflikte,  nicht mehr für die Unternehmerschaft getan werde, „dann leisten wir der Wirtschaft Neckar-Alb aktive Sterbehilfe“.

„Glashauseffekt“

Dr. Klaus-Michael Mayer zeigte in seinem Impulsvortrag „Megatrends“ auf, die ein konzertiertes Handeln von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erforderten. So würden bis zum Ende des Jahrhunderts 11,2 Milliarden Menschen (heute: 7,75) auf der Erde leben. Diese benötigten natürlich Wohnraum und Nahrung. Doch dürfe dies nicht zu Lasten einer eh schon gefährdeten Umwelt gehen. Viele der großen Metropolen befinden sich zudem in Küstennähe. Der CO2-Ausstoß indes sei ein „Riesenproblem.

Ungerührt projizierte der Wissenschaftler der Firma Bosch auf die Leinwand in der Stadthalle die Fotomontage eines im Wasser versinkenden Shanghai – „die Folge des Glashauseffekts“, der das Wasser ansteigen lasse. Schon vor 40 Jahren sei auf eine solche mögliche Klimakatastrophe hingewiesen worden.

Doch ein Zukunftsforscher hätte seinen Job verfehlt, würde er nicht Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Angesichts einer längst viel zu hohen Entnahme fossiler Brennstoffe, dem Kohlenstoffverbrauch, setzt Mayer die zu beschleunigende Elektrifizierung entgegen. „Elektrifizierung ist ein absolutes Muss“, fordert Mayer, der vorrechnete: „Wir brauchen nur 25 Prozent elektrischer Kraft mehr, damit wir alle mit Elektroautos fahren können.“

Überdies setzen Mayer und seine Forscherkollegen auf eine intelligente Nutzung der Robotik; Fortschritte in der Quanten-Technologie und auf den verantwortungsvollen Umgang mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI). Seinem „Überblick im Schweinsgalopp“, wie Mayer es selbst nannte, folgte eine Gesprächsrunde, in der NMI-Chefin Prof. Katja Schenke-Layland unter anderem noch mehr interdisziplinäre Anstrengungen aller Akteure verlangte. Auch und gerade „weil der Ingenieur eine andere Sprache als der Mediziner spricht.“