Sie hätten nichts gegen die Bebauung des Schieferbuckels,  versichern Joachim Bader, Wolfgang Bauer, Wolfgang Mierzwa und Erwin Schilla, alle vier Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Schieferbuckel. Was sie jedoch massiv störe, sei die Art, wie das Projekt umgesetzt werden soll. Das Blue Village, das derzeit zwischen Justinus-Kerner-, Sickenhäuser- und Gellertstraße entsteht, ist für sie ein abschreckendes Beispiel. Auch wenn sie einsehen, dass die Stadt dringend neue Wohnungen benötigt, lehnen sie doch diese dichte Art der Bebauung ab, wie sie in einem Gespräch mit unserer Zeitung deutlich machten.

Dabei ist es vor allem der Umgang mit der Verkehrsproblematik, der den Sprechern der Interessengemeinschaft Sorgen bereitet. Verkehrszählungen, deren Ergebnisse schon 2016 vorlagen, hätten gezeigt, dass die vorhandenen Verkehrsknoten Heppstraße/Justinus-Kerner-Straße sowie Heppstraße/B 28 Schieferstraße („Bauhauskreuzung“) schon jetzt stark überlastet seien.

Neue Kreuzung ab 2023

Als Folge dieser Erkenntnis hatte die Stadt beschlossen, zwischen dem ehemaligen Bauhaus und Möbel Rieger eine neue Kreuzung einzurichten. Diese sollte eine Direktanbindung der Justinus-Kerner-Straße an die Ost-West-Trasse/B 28 in beide Fahrtrichtungen ermöglichen. Aus Sicht der Interessengemeinschaft wird diese Regelung zu einem Verkehrskollaps führen. Die IG rechnet mit längeren Staus sowohl auf der B 28 als auch in den Zufahrten.

„Selbstverständlich müsse die Verkehrssituation auf der Justinus-Kerner-Straße auch in Zukunft genau beobachtet werden“, nimmt Ulrike Hotz Stellung. Bis zum Bau der Kreuzung wird es noch dauern. Die Baubürgermeisterin rechnet derzeit mit einer Realisierung im Jahr 2023.

Sorgen bereitet der IG auch eine Zunahme der Schadstoffkonzentration entlang der B 28, die nach der Öffnung des Scheibengipfeltunnels Ende Oktober 2017 nochmals angewachsen sei. Seit damals werden viele tausend Autos und Lastwagen über die Ost-West-Trasse um die Innenstadt herum geleitet, was zu erhöhten Schadstoffwerten auf der B 28 führe. Für die Zeit vor der Öffnung des Scheibengipfeltunnels liegen der Stadt keine Messergebnisse zur Stickstoffdioxidkonzentration (NO2) vor. Anders sieht es jedoch für den Zeitraum zwischen Juli 2018 und November 2019 aus: Über einen Passivsammler wurde laut Stadtverwaltung eine NO2-Konzentration von 26,6 Mikrogramm/Kubikmeter Luft ermittelt. Ein Ergebnis, das deutlich unter dem erlaubten Grenzwert von 40 Mikrogramm NO2/Kubikmeter Luft liegt.

Zahl der Stellplätze

Aus Sicht der Interessengemeinschaft ist auch die von der Stadt geforderte Zahl der Stellplätze zu gering. Im „Blue Village“ muss der Bauträger einen Stellplatz pro Wohneinheit nachweisen, bei den Schieferterrassen (sieh Infobox) soll dieser  Wert, wie Ulrike Hotz einräumt, verringert werden. Im Gegenzug verweist die Erste Bürgermeisterin auf Angebote wie Carsharing, den ÖPNV oder auch neue Mobilitätskonzepte. „Wir müssen auf Sicht fahren“, betont Hotz.

Ob diese Angebote die neuen Bewohner des Quartiers dazu bringen, aufs eigene Auto zu verzichten und stattdessen ÖPNV oder Fahrrad zu nutzen, hinterfragen die IG-Mitglieder kritisch. Sie gehen nach wie vor davon aus, dass die meisten Familien am eigenen Auto festhalten.

Zusätzliche Stellplätze, beispielsweise in einer Tiefgarage, würden die Kosten in die Höhe treiben und damit das Ziel konterkarieren, günstigen Wohnraum zu schaffen, unterstreicht Hotz. Die Art, wie jetzt dort gebaut werde, sei immerhin das Ergebnis eines städtebaulichen Wettbewerbs. Zudem sei die Planung so angelegt, dass die Kaltluft gut abfließen könne.

Nicht ernstgenommen?

Wichtig ist den Sprechern der Interessengemeinschaft, dass sie das Projekt von Anfang an begleitet haben und versucht haben, ihre Anliegen einzubringen. „Wir fühlen uns von der Stadtverwaltung nicht ernstgenommen. „Wir wollten die Sache auf Augenhöhe besprechen, aber wir wurden immer wieder vertröstet“, bemängelt der selbstständige Bausachverständige Bader.

Knapp 740 Wohnungen entstehen oberhalb der B 28


Als „Blue Village“ errichtet die GfB derzeit knapp 350 Wohnungen am Schieferbuckel.

Weitere 385 Wohneinheiten sind auf den Schieferterrassen geplant. Laut Plan will die GWG als Bauträger dort 55 Vier-Zimmer-, 180 Drei-Zimmer-und 90 Zwei-Zimmer-Wohnungen sowie 60 Ein-Zimmer-Appartements bauen. Zudem soll dort auch ein Kindergarten und ein Pflegeheim entstehen. Baubürgermeisterin Ulrike Hotz geht davon aus, dass die GWG im Jahr 2022 mit der Erschließung des Areals beginnen wird, das dann nach und nach bebaut werden wird.

Das Gewann „Irtenbach“, in dem ursprünglich weitere 240 Wohnungen entstehen sollten, soll jetzt als möglicher Standort für ein weiteres Gymnasium und eine Sporthalle freigehalten werden.  swp