Jura und Humor passen nicht unbedingt zusammen. Normalerweise. Dabei klingt die juristische Sprache oft so staubtrocken und verschraubt, dass sie schon ganz allein zum Schieflachen ist. Berühmtes Realsatire-Beispiel ist das „Landesseilbahngesetz“ für Mecklenburg-Vorpommern, wo es gar keine Seilbahnen gibt – aber wer kein solches Gesetz einführen will, müsste dank gültiger  EU-Richtlinie bis zu 791 000 Euro an Strafgeldern zahlen.

Berühmt wurde auch ein Video, in dem der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz beim Verlesen einer Zollbehörden-Auskunft über gewürztes „Bündnerfleisch“ im eidgenössischen Parlament einen wunderbaren Lachanfall bekam.

Kein Wunder, dass es seit 2003 ein „Richterkabarett“ gibt. Die acht Juristen, darunter auch Konrad Kramer, Vorsitzender des Veranstaltungsrings Metzingen (VRM) und pensionierter Richter, sind nun wieder zu erleben: Am Samstag, 6. Mai, 20 Uhr, zeigt das „Richterkabarett“ in der Aula des Bonhoeffer-Gymnasiums Metzingen sein aktuelles Programm. Titel: „Garantiert rechtsmittelfrei“. Im Vorfeld sprachen wir mit Konrad Kramer über allerlei Verrücktes aus der Welt der Paragraphen.

Herr Kramer, Jura und Kabarett, wie passt das zusammen?

Konrad Kramer: Sehr gut! Man muss den Rechtsalltag nur 1 zu 1 zu Papier bringen, und schon hat man herrlich schräge Kabarettnummern!

Im Ernst: Ein wenig zuspitzen, verdichten und in Szene setzen muss schon sein. Im Übrigen galt es schon während meines Studiums, die Rechtslehre mit Humor zu würzen.

Es gibt Pfarrkabarette („Das weißblaue Beffchen“) und Lehrerkabarette („Die Unter-Richter“). Was macht ein Richterkabarett?

Es bringt den Zuschauern bei, dass Richter auch nur (Un-)Menschen sind, wie Sie und ich.

Im Ernst: Das Richterkabarett möchte zwar die Welt der Justiz als nicht heile Welt und die Sicht von Richtern auf diese und die restliche Welt vermitteln. Aber weil das noch keinen Unterhaltungswert hat, geht es einfach darum, aus diesem Blickwinkel und mit diesen Themen Kabarett zu machen.

Was ist schwieriger, der Auftritt im Gerichtssaal oder auf der Bühne?

Eindeutig im Gerichtssaal: Auf der Kabarettbühne darf man Idioten  seine Meinung sagen, im Gerichtssaal nicht! Im Ernst: Eindeutig auf der Bühne, denn Jura haben wir gelernt, Kabarett nicht. Hier ist ein Auftritt wie ein Abenteuer, das es zu bestehen gilt.

Das Juristen- und Verwaltungsdeutsch bringt aber bizarre Blüten hervor wie „Fahrtrichtungsanzeiger“ (Blinker) oder „raumübergreifendes Großgrün“ (Baum). Sie haben sicher auch ein paar Beispiele auf Lager?

Kein Problem, im Baurecht gibt es zum Beispiel die Samba-Treppe (ein begehbares Raumsparwunder mit Sturzgarantie), die öffenbaren Fenster (die heißen so, weil man sie „öffen“ kann) und natürlich den Schwarzbau, den man von Rechts wegen eigentlich abreißen sollte  (die CDU-Parteizentrale).

Im Ernst: Wissen Sie, was ein „Drehflügler“ ist? So heißen im Luftverkehrsgesetz auch noch nach dessen letzter Änderung vom Februar 2017 die Hubschrauber. In unserem neuen Programm wird der Begriff „Juristische Person“ erläutert, weshalb ich hier davon Abstand nehme. Eine Fundgrube sind auch die Gesetzblätter, die für ihre Produkte gleich die amtlichen Abkürzungen mitliefern, die man nicht versteht (KHfEVerbG: Katzen-und Hundefell-Einfuhr-Verbotsgesetz) oder missversteht (ProstG: schützt nicht Trinker, sondern Prostituierte).

Manchmal wird eine Abkürzung aber erst gar nicht versucht, so beim Gesetz zur Modernisierung des Benachrichtigungswesens in Nachlasssachen durch Schaffung des Zentralen Testamentsregisters bei der Bundesnotarkammer und zur Fristverlängerung nach der Hofraumverordnung (Vorschlag: MoBeNaZeTestFristverlG).

Schon Friedrich der Große fand es anno 1780 „unschicklich“, dass viele Gesetze in einer unverständlichen Sprache geschrieben sind. Heute gibt es Juraprofessoren, die ihren Studenten zum Beispiel den § 873 BGB vor-rappen – rappt das Richterkabarett auch?

Gesetze müssen in unverständlicher Sprache geschrieben werden! Wovon sollen die Juristen denn leben, wenn die Gesetze jeder versteht? Dafür tun sich die älteren Juristen mit den aufgekommenen englischen Begriffen schwer, weshalb wir diese in einem früheren Programm zu Schubert-Walzern sinnlos aneinandergereiht haben. Da einige von uns unmusikalisch sind,  kann man deren Gesang durchaus als Rap durchgehen lassen.

Ihr Richterkabarett ist ja mit Programmen wie „Richtfest“, „Höchst­richterlich“ und „Auf der nach unten offenen Richterskala“ schon seit dem Jahr  2003 unterwegs. Was bietet denn das aktuelle Programm „Garantiert rechtsmittelfrei“?

Lassen Sie sich überraschen, aber so viel kann ich Ihnen schon verraten: Rechnen Sie mit dem Schlimmsten, damit Sie hinterher nicht enttäuscht sind! Im Ernst: Für Metzingen ist das Programm ein wenig schwäbisch angereichert. Schließlich feiern wir zurzeit nicht nur 700 Jahre Zugehörigkeit zu Württemberg, sondern auch 65 Jahre Baden-Württemberg, worauf das Metzinger Publikum seit der gemeinsam gesungenen schwäbischen Hymne beim letzten Auftritt vor fünf  Jahren wartet.

Gerade im Zeitalter von „Shitstorms“, „Fake News“ und „alternativen Fakten“ – an neuen Themen für das Richterkabarett herrscht wohl kein Mangel?

Sicher nicht, aber oft an der Zeit, sie umzusetzen, weil fast alle auch noch einen kleinen Nebenjob als Richter haben…

Im Ernst: Zu unserem Glück bleiben viele Themen sehr lange aktuell (Asyl, Überwachung, Umwelt, Abhängigkeit und Modernisierung der Justiz usw.). Die Themen, die nichts mit den „so genannten Richtern“ zu tun haben, überlassen wir den normalen Berufskabarettisten; die können das besser.

Manches, wie etwa die bedrohte Unabhängigkeit der Justiz, ist nicht zum Lachen. Greifen Sie solche Themen trotzdem auf?

Aber selbstverständlich, gerade die! Den meisten Schwachsinn auf dieser Welt kann man doch ohnehin nur noch mit Humor und Ironie ertragen, finden Sie nicht?

Im Ernst: Das ist geradezu unser Gründungsmythos. Manches kann man allerdings nur sarkastisch bewältigen, dann wird eben mal nicht gelacht.

Goethe, Heine, Kafka, Tucholsky, Handke – Sie alle waren erstaunlicherweise Juristen. Sind Juristen also besonders kreativ?

Wenn es darum geht, erwünschte Rechtsauffassungen zu begründen und richterliche Forderungen wie etwa die freie Arbeitszeiteinteilung mit der richterlichen Unabhängigkeit zu untermauern, ganz bestimmt!

Im Ernst: Ich finde das nicht erstaunlich; schließlich ist die Grundlage für beide Zünfte, dass sie des Schreibens mächtig sind. Kreativität kann allerdings auf unterschiedliche Wege und Höhen gelangen, wovon das Richterkabarett Zeugnis gibt, oder ganz fehlen.

Sie treten im Richterkabarett auch zuweilen als Klavierbegleiter in Erscheinung – was sind denn Ihre musikalischen Vorlieben?

Ich persönlich bevorzuge Musikstücke, deren Schöpfer seit mindestens  70 Jahren tot sind, was sich zufälligerweise auch urheberrechtlich kostensparend auswirkt. Im Ernst: Da ich nur klassisch-romantisch und nach Noten spielen kann, bin ich eigentlich eine Fehlbesetzung, aber es hat sich bisher sonst niemand gefunden.

Sie haben fürs Richterkabarett auch schon Evergreens wie Knefs „Rote Rosen“ in „Rote Roben“ umgedichtet. Was sind Ihre Beiträge zum neuen Programm?

Außer der erwähnten Umdichtung der schwäbischen Hymne das Lied eines armen Würstchens vor dem unnahbaren und bedrohlichen Richter, Mitwirkung an weiteren Liedern und in Szenen, an denen ich mitgeschrieben habe.

Haben sie auch ein ernsthaftes Motto?

Ja, und zwar den Leitspruch der Neuen Richtervereinigung, aus welcher das Richterkabarett hervorgegangen ist: „Sine spe ac metu“, also „ohne Hoffnung und Furcht“ soll der Richter sein, weshalb die selbstverwaltete Justiz zur Gewährleistung der Unabhängigkeit gefordert wird. Wie ich letzten Sonntag beim Kreta-Vortrag im Luna-Theater erfahren habe, wurde aber auch dieser Spruch schon anderweitig benutzt: Auf dem Grabstein von Nikos Kazantzakis, dem Verfasser von „Alexis Sorbas“, steht (übersetzt): „Ich hoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei.”

Gastspiel Das „Richterkabarett“ ist am Samstag, 6. Mai, 20 Uhr, in der Aula des Bonhoeffer-Gymnasiums Metzingen zu Gast. Karten: bei der  Touristinformation, Am Lindenplatz 4, Metzingen, (0 71 23) 925-326 oder E-Mail an info@veranstaltungsring.de.