An manchen Zetteln nagt der Zahn der Zeit. Sie sind zerfleddert von Wind, Regen, Wärme und Kälte. Einige liegen bereits auf dem Waldboden, sind im Schnee kaum zu entdecken. Auf ihnen stehen Wünsche, sind Sehnsüchte, Hoffnungen, Sorgen formuliert - für sich selber oder für die Familie. Ein Kind wünscht sich ein Kuscheltier, ein Mädchen, dass es so leben darf, wie es gerne möchte, ein anderes hätte gerne ein Pferd, ein Jugendlicher holt sich an dieser Stelle Unterstützung, um das Abitur zu bestehen. Manche der Wünsche aber sind verschlossen, behalten den Wunsch im Geheimen. All diese Menschen vertrauen auf die Magie des Baumes, der zwischen ihnen und dem Schicksal mit seiner Kraft vermitteln soll.

Dieser Kraft gibt ein Druidengesicht einen konkreten Ausdruck. Freundlich ist dieses, zeigt mit einem breiten Lachen die Zähne und wirkt dabei schon fast lebendig. Diese kunstvolle Schnitzerei im Baumstamm ist das Werk von Kurt Haug. Die Wünsche berühren ihn, lassen Schicksale verfolgen. Ein Mädchen wünschte sich sehnsüchtig einen Freund. Als dieser dann in ihr Leben trat, dankte sie dem Wunschbaum. Haug hat diese herabgefallenen Zettel in sein Fotoalbum eingeklebt. In diesem hält der gebürtige Rangendinger seine Kunstwerke fest.

Sein Interesse für die römische Zeit, Archäologie, Kunst und Kultur, die vorchristliche Religion spiegelt sich in dem Druidengesicht wider. Der 70-Jährige benutzt nur Holz, das bereits eine Verletzung erlitt und nicht zu den Wirtschaftsbäumen zählt. Diese vorhandene Wunde "schafft er aus", sie gibt die Form vor. "Das Holz gibt mir in seiner Natur vor, wie das Werk zu schaffen ist." Die Kunst half ihm, Schwierigkeiten des eigenen Lebens zu überstehen. Er schnitzte eine Madonna in einen Stamm, als er an einem Tiefpunkt seines Lebens stand. Während der Baum diese Arbeit verschloss, verschlossen sich seine eigenen Wunden. Mit einer ähnlichen Arbeit half er einer befreundeten jungen Frau Kraft zu schöpfen im Kampf gegen eine tödliche Krankheit, ein Kampf den sie verlor.

Das Gedicht eines Mädchens gab ihm die eigentliche Idee des Wunschbaums. Bereits 2002 hat er im Sondelfinger Wald ein Druidengesicht im Stamm eines Baumes verewigt. Eines Tages fand er daran einen Zettel mit Versen über den Wunschbaum und dem Wunsch, dass es mehr von diesen Bäumen geben sollte. So entstand erst im Jahr 2006 der Wunschbaum in Pfullingen, ein weiterer Baum mit dieser Intention steht im Reutlinger Wald an der Achalm.

An diesem hängen zwar keine Wunschzettel, dennoch spendet er den Menschen Kraft, Trost und Hoffnung. Fast jeden Tag geht eine 50-jährige Frau zu diesem Baum. Es ist an diesem Tag eine zufällige Begegnung. "Das ist so schön für die Seele", erzählt sie am Wegesrand, "mir tut es unendlich gut". An diesem Ort könne sie Kraft schöpfen, die ihr helfe, die Turbulenzen in ihrem Leben zu überstehen. "Er hat eine Gabe", sagt sie über Haug. "Was der Seele gut tut, tut auch dem Körper gut", entgegnet Haug, will von Gabe und Künstler aber nichts hören, bleibt bescheiden.

Die Förster in Reutlingen sind wenig begeistert, erzählt Haug. In Pfullingen hingegen zeigt sich der Förster beeindruckt. Es ist auch hier eine zufällige Begegnung auf dem Weg durch den tiefen Schnee hin zu eben diesem Wunschbaum. Er selbst würde häufiger die Wünsche lesen und findet die Schnitzerei schön, erzählt der ältere Mann munter und weist den Weg, nicht wissend, dass er mit dem Erschaffer selbst gerade spricht.