Reutlingen Hock der Zahnradbahnfreunde: So schön wie Weihnachten

NORBERT LEISTER 29.08.2013
Eine Zugfahrt von Reutlingen-West nach Betzingen. Soll nichts Besonderes sein? Mit der Zahnraddampflok wurde das am Dienstagabend beim Hock der Zahnradbahnfreunde zu einem unvergesslichen Erlebnis.

26 Jahre haben die Freunde der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein an der Lok mit dem (für Laien) nichtssagenden Namen 97 501 herumgeschraubt - Michael Staiger war von Anfang an mit dabei. Fast drei Jahrzehnte lang hat er die Zahnraddampflokomotive mitbearbeitet, mit dem einen Ziel, die alte Dame wieder auf die Gleise zu schicken, die die große weite Welt bedeuten. Einen Zwischenschritt haben die Reutlinger Eisenbahnfreunde nun geschafft: Die ganz besondere Lok durfte am Dienstagabend auf einem städtischen Industriegleis den Museumszug zwischen dem Reutlinger Westbahnhof und Betzingen über das Betriebsgelände der Fair-Energie schieben und ziehen.

Ein erhebender Moment. Oder? Michael Staiger hebt stattdessen hervor, dass noch eine Kleinigkeit fehle, bis die Lok auf allen Strecken fahren dürfe - eine Signalsicherheitseinrichtung sei noch nicht abgenommen worden. Ein ziemlich modernes Gerät, das da auf die alte Lokomotive eingepasst werden muss. "Einige Leute sagen, das geht gar nicht", meinte Staiger mittendrin im Trubel auf dem Gelände der Zahnradbahnfreunde beim Reutlinger Westbahnhof. Aber: "Geht nicht, gibts bei uns nicht - das haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt", meint der Eisenbahnfan, der unzählige Stunden in die Restaurierung dieser Lok steckte. Staiger geht ganz sicher davon aus, dass die 97 501 irgendwann wieder auf dem öffentlichen Schienennetz unterwegs sein wird.

Am Dienstag aber war Premiere, zumindest auf einem abgelegenen Gleis. "Am 8. und 15. September fährt die Lok aber von Schorndorf nach Welzheim." Ein befreundeter Eisenbahnverein dort hat die Lok gemietet, um sie auf ihrer Strecke als Besonderheit zu präsentieren. Wie die Lok dahin kommt, wenn sie noch nicht auf normalen Bundesbahn-Gleisen fahren darf? "Sie wird von einer anderen Lok dorthin geschleppt", sagt Staiger. "Wir sind auch noch gar nicht sicher, ob unsere 97 501 mehr als 50 Kilometer fahren kann - da ist ja alles noch ganz neu dran."

Neu war auch für Besucher am Dienstag die Möglichkeit, im Museumszug mitzufahren, der nun das erste Mal an dieser speziellen Lok dranhing. Ein geradezu berauschendes Erlebnis, wie vor allem die Mitfahrenden im Führerhaus der Lok hinterher bestätigten. "Das ist ein Gefühl wie Weihnachten", sagte eine Frau, die zusammen mit ihren Kindern Lokführer Thomas Schenkel und Heizer Ralf Stoll bei der Arbeit zuschauen durfte.

Dabei schnaufte und prustete die alte Dame 97 501, sie pfiff und signalisierte dabei vor allem eins - sie lebt wieder. Warum Stoll die Kohlen im Behälter hinter dem Führerhaus mit Wasser bespritzt? "Damit die Kohle nicht so staubt - eine Kohlenstaubexplosion ist eine der größten Gefahren", sagte der Heizer, der auf der Lok - trotz Dreck, Staub und Hitze - einen Ausgleich zum Alltag im Büro findet.

Eine spezielle Ausbildung zum Heizer hat Stoll bei der Öchsle-Museumsbahn gemacht. "Da fahre ich auch immer wieder mit", sagte er. Natürlich mussten auch Thomas Schenkel und Manfred Welze (der sich auf zahlreichen alten Dampfloks in ganz Deutschland auskennt und sie immer wieder fährt) eine Ausbildung zum Dampflokführer machen. "Da gibt es sogar einen Führerschein", betonte Manfred Welze, der im Berufsalltag ebenfalls Lokführer ist.

Mit der 97 501 zu fahren sei aber etwas ganz Besonderes, wie er während der Fahrt nach Betzingen betonte. "Es ist die einzige Zahnraddampflokomotive, die betriebsbereit ist." Insgesamt seien eh nur vier Lokomotiven dieser Ausführung gebaut worden, eine stehe in Berlin, eine andere in Bochum. Und die Lok der Zahnradfreunde war zwischen 1923 und 1962 zwischen Reutlingen und der Schwäbischen Alb unterwegs - mit dem Aufstieg, den sie bei Honau als Zahnrad-Lok bewältigt hatte.