Schnupperstunden für Heiratswillige? Das hört sich aufs Erste an wie Speed-Dating mit Ja-Wort-Garantie. Doch dem ist beileibe nicht so. Diejenigen, die mit der Einladung des Sondelfinger Bezirksamts angesprochen werden sollen, sind Paare, die sich – im Optimalfall – schon bestens vertraut sind.

Ein Ort, der viele Vorteile und 120 Sitzplätze zu bieten hat

Kennenlernen sollen sie beim Schnuppern nicht ihren Partner, sondern ihr Standesamt, das eines der außergewöhnlichen Sorte ist: die Stephanus-Kirche. Ein Gotteshaus also – oder eine „Location“, wie es die Standesbeamtinnen nennen. „Ein Ort, der viele Vorteile und 120 Sitzplätze zu bieten hat“.

Der jährliche Präsentationstermin naht, und Susanne Eibner fängt schon an mit Kuchenbacken. Beim Schnupper-Date am kommenden Sonntag soll es zum Kaffee Selbstgemachtes geben für all die Heiratswilligen, die in die Stephanus-Kirche kommen werden. So um die 80 oder 100 Leute dürften es schon werden, die sich bei Christina Schäfer und Susanne Eibner über das ganz besondere Standesamt und das Drumherum informieren wollen.

Auch Paare aus Übersee

Die Sonderschicht am Nachmittag des 26. Januar erspart den beiden Standesbeamtinnen jede Menge Arbeit. „So können ganz viele Brautleute auf einmal ihre offenen Fragen klären und sich die Kirche anschauen. Dann müssen wir nicht mit jedem einzelnen Paar extra hierher“, sagen die beiden Frauen vom Sondelfinger Bezirksamt, die pro Jahr um die 100 Ehen schließen und bei ihrem Job schon allerhand erlebt haben. Denn die Stephanus-Kirche ist als Standesamt nicht nur bei Einheimischen beliebt.

Trauungen im Blaumann

„Wir haben hier auch öfter Paare aus Übersee“: Australier haben Schäfer und Eibner schon genauso getraut wie Asiaten. „Einmal hatten wir Brautleute, die sich am Flughafen kennengelernt haben. Er ist Deutscher und lebt in Japan, sie wohnt in China. Geheiratet haben sie in Sondelfingen, weil er hier Verwandte hat. Und letztlich ist es ja egal, ob die ganze Gesellschaft von hier nach China fliegt, oder ob die Chinesen alle herkommen“, findet Susanne Eibner, die das Gros der Hochzeiten fürs Bezirksamt stemmt und sich eigentlich über gar nichts mehr wundert. „Ich hatte schon Trauungen im Blaumann. Da ist der Ehemann nach dem Ja-Wort direkt zur Arbeit. Und Rocker- und Burlesque-Hochzeiten gab’s bei uns auch.“ Burlesque? So richtig, mit allen Konsequenzen? „Also die Braut hat natürlich schon etwas angehabt. Sonst hätte ich sie dann doch nicht getraut“, stellt Eibner klar. Immerhin: Das Wenige, das die Hochzeiterin an hatte, war ein sehr, sehr kurzes Minikleid mit viel Strass und Glitzer. Und das Ganze in Rot  und Schwarz.

Wenn die Braut die Kirche nicht findet

Doch die Kleidung ist es gar nicht so sehr, die die Standesbeamtinnen bisweilen aus der Bahn wirft. Viel eher ist es die Tatsache, dass manche Brautleute schlicht zu spät zur eigenen Trauung kommen. Einmal hat die Braut die Kirche nicht gefunden und kam starke 25 Minuten  zu spät. Ein anderes Mal sind gleich beide Eheleute mit einer satten Verzögerung erschienen – und ihre Gäste waren trotzdem noch nicht da. Derlei Zwischenfälle können den kompletten Tagesablauf durcheinanderbringen. In beiden Fällen gab’s deshalb eine Trauung im Schnellwaschgang, wie es Susanne Eibner ausdrückt. Schließlich hat sie an manchen Samstagen von neun bis 14 Uhr fünf Eheschließungen im Stundentakt. „Dabei sind wir praktisch ein Ein-Mann-Betrieb.

Für jedes Paar eine besondere Rede

Wir müssen die Kirche aufschließen, alles herrichten, danach wieder aufräumen und alles sauber machen“, erklären die beiden Standesbeamtinnen, die sich selbst bei fünf Trauungen in Folge noch für jedes Paar eine besondere Rede ausdenken. „Zum Glück. Denn einmal ist doch tatsächlich ein Sondelfinger nach einer Hochzeit sitzen geblieben und hat die nächste abgewartet, weil er das Paar auch noch kannte. Da wäre es dann aufgeflogen, wenn ich zweimal dasselbe gesagt hätte“, erzählt Eibner, die, wie ihre Kollegin, so richtig Spaß an ihrem Beruf hat. „Es ist ein schönes Geschäft,“ findet Christina Schäfer, die gleichzeitig Dienststellenleiterin des Bezirksamts ist und die, wenn sie von der Stephanus-Kirche redet, ins Schwärmen kommt.

1275 erstmals urkundlich erwähnt

Die Atmosphäre in dem Gotteshaus, das 1275 erstmals urkundlich erwähnt wurde und in dem 1960 der letzte offizielle Gottesdienst war – das Kirchlein ist für all die Protestanten in Sondelfingen damals schlicht zu klein geworden – hat es Schäfer angetan. Vor allem die Deckenbemalung und die Fresken in dem Gebäude, das die Stadt 1977 gekauft und später grundlegend renoviert hat, faszinieren sie.

Seit 1979 ist die Stephanus-Kirche ein „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“. Und das, finden die Standesbeamtinnen, merkt man dem Gebäude an. „Die Atmosphäre wissen auch die Heiratenden zu schätzen“, sagt Susanne Eibner, die bei Trauungen zwar schon fast alles mitgemacht hat, der eines aber noch nie untergekommen ist: Dass einer der Brautleute beim Ja-Wort Nein gesagt hat.

Weitere Informationen: Heiraten in der Stephanus-Kirche findet Ihr hier.

Infos und Kuchen für Heiratswillige


Am Sonntag, 26. Januar, von 14 bis 17 Uhr sind die nächsten Schnupperstunden für Brautleute in der Sondelfinger Stephanus-Kirche in der Reichenecker Straße 59. Die Standesbeamtinnen vom Bezirksamt freuen sich schon jetzt auf all die Heiratswilligen, mit denen sie sämtliche Fragen rund um die Trauung besprechen wollen. Es gibt an dem Nachmittag übrigens nicht nur Kaffee, sondern auch selbstgemachten Kuchen. lyn