Am Anfang steht das Monterey Pop Festival. Und am Ende von Berthold Seligers Vortrag am Donnerstag im Reutlinger franz.K eine aus Schwanenknochen geschnitzte Flöte aus einer Höhle der Schwäbischen Alb – mit rund 40 000 Jahren das älteste bisher entdeckte und erhaltene von Menschen geschaffene Musikinstrument. Damit stellt der aus dem oberbayerischen Fürstenfeldbruck stammende Inhaber einer unabhängigen Konzertagentur und Publizist klar: Popmusik kommt von der Subkultur her. Und: „Menschsein ist ohne Musik nicht möglich, Kultur deshalb so erhaltenswert.“

Gelten Otis Redding, Jimi Hendrix und Janis Joplin heute als Ikonen der Rock- und Popmusik, 1967 in Monterey waren sie weitgehend unbekannt. „Janis hatte noch nicht mal einen Plattenvertrag und für The Who war es die erste US-Tour“, erzählt Seliger.

Von Big Sur zu Big Data

Entstanden sind Freiluft-Festivals in einer politisch aufgeladenen Zeit. Den veranstaltenden Musikern – darunter The Mamas and the Papas – ging es um Teilhabe, Gleichberechtigung und Gemeinschaft. So gab es beim Open-Air im Sardinenstädtchen an der kalifornischen Big-Sur-Küste weder Backstage-Bereich noch Headliner. Die Musiker saßen, während Kollegen auf der Bühne standen, inmitten der Zuschauer. Jeder spielte 40 Minuten – bis auf Ravi Shankar,  denn „Raga braucht eben seine Zeit“, sagt der 60-jährige Berliner.

The Who hingegen hatten ihre Songs schon nach 20 Minuten heruntergenudelt und widmeten den Rest ihrer Auftrittszeit der Zerstörung ihres Equipments, erzählt er in dem weitgehend frei gehaltenen Vortrag zu seinem höchst lesenswerten jüngsten Buch „Vom Imperiengeschäft – Konzerte, Festivals, Soziales“. Es gab keine Werbebanner oder andere Hinweise auf Sponsoren. Dennoch war der Erlös mit rund 211 000 Dollar für die damalige Zeit erklecklich. Er wurde Seliger zufolge komplett für die musikalische Bildung benachteiligter Kinder gespendet. Denn Monterey, mitveranstaltet vom deutsch-jüdischen Ausch­witz-Überlebenden Bill Graham, war ein Non-Profit-Festival.

Vom Big Sur zu Big Data, von den seligen Anfängen in die heutige Realität: Musiker veranstalten noch immer um der Musik willen Konzerte. Man denke nur ans Kosmonaut-Festival der Chemnitzer Band Kraftklub. „Doch das ist sehr rar.“

Vorverkaufsgebühren steigen rasant

Auch die einst florierenden Umsonst & Draußen sind noch nicht ganz ausgestorben. Und Seliger selbst, der zudem Tortoise, Bonnie Prince Billy und James Yorkston im Portfolio hat, steht etwa hinter Patti Smiths aktueller Europa-Tour, die sie am 15. Juni auf die Stuttgarter Killesberg-Freilichtbühne führt – für vergleichsweise bescheidene 45 Euro Eintritt.

Konzerte als „Superstar-Geschäft“

Doch „das Konzertgeschäft ist heute ein Superstar-Geschäft“ – Ed Sheerans Album-Titel „Divide“ trennen nur drei Buchstaben von der Dividende. 2019 hat der Sänger die Rolling Stones und U2 als Spitzenverdiener im internationalen Tourgeschäft abgelöst. Und selbst Seliger kann die Ticket-Monopolisten nicht umgehen: Da kosten Patti-Smith-Tickets dann doch rund 58 Euro.

Mit Sub-, Sozio-, Nischenkultur oder Underground hat das alles nichts mehr zu tun. Live-Musik wird zur Boom-Branche mit Millionen-Margen und uferlos scheinenden Möglichkeiten des Kundenausspähens.

Zwischen 38 D-Mark Eintritt (plus 5,2 Prozent Vorverkaufsgebühr) für ein Stones-Konzert und bis zu 800 Euro (mit zehn Prozent Vorverkaufszuschlag) liegen 30 Jahre. Allein in den vergangenen vier Jahren stiegen Ticketpreise weltweit um durchschnittlich 39 Prozent, erklärt der Insider, der sich seit einigen Jahren zunehmend als Whistleblower betätigt.

Kultur verkommt zur Ware

Wenn Kartellrecht umgangen, Behörden bedroht und Besucher via Festivalbändchen mit NFC-Chip zu gläsernen Datenlieferanten werden, dann erscheint das nicht nur Berthold Seliger gefährlich.

Von globalen Hedgefonds getragene Monterey-Nachfolger wie Sziget, Lollapalooza, Sónar, Øya und Wacken machen die Chefs der stetig wachsenden Ticket-Monopolisten Live Nation und CTS Eventim zu Dollar-Milliardären – und degradieren Kultur zur Ware, warnt der Autor. Denn diese Investoren seien „Breaking Bad“-gemäß aufs „Empire-Business“ aus. Sie fördern nicht den Nachwuchs, sondern killen kulturelle Vielfalt.