Abwasser Hier steckt richtig Geld drin

Reutlingen / Ralph Bausinger 21.08.2018
Allein die Modernisierung der Schlammbehandlung im Klärwerk West kostet rund 26 Millionen Euro.

Eine „Rieseninvestition in Gesundheit und Umweltschutz“ nannte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch die Sanierung des Klärwerks West beim symbolischen Baggerbiss vor eineinhalb Jahren. Allein 26 Millionen Euro fließen in die Modernisierung der Schlammbehandlung und die Erneuerung des Energienetzes. Bei einem Sommermedientermin am Montagnachmittag informierten Arno Valin, Leiter des städtischen Eigenbetriebs Stadtentwässerung Reutlingen (SER) und seine Mitarbeiter über den Stand der Arbeiten, die 2021 abgeschlossen werden sollen.

An der Sanierung der Schlammbehandlung führt kein Weg vorbei, Teile der Anlage sind zwischen 30 und 50 Jahre alt, einige Trafos stammen noch aus den 1950er-Jahren. Größte Herausforderung ist dabei, wie Valin ausführte, dass die im Februar 2017 begonnene Modernisierung bei laufendem Betrieb erfolgt. Dabei müssen die Grenzwerte eingehalten werden, schließlich steht, wie der SER-Leiter sagt, der „Gewässerschutz an vorderster Stelle“.

Zurzeit ist Reutlingens größte Kläranlage, die über eine Kapazität von 140 000 Einwohner-Werten verfügt, zu 90 Prozent ausgelastet. Mit dem Klärwerk werden jährlich 15 Millionen Kubikmeter Abwässer gereinigt. Pro Sekunde fließen 450 Liter Abwasser in die Anlage, bei Regen können es bis zu 1300 Liter/Sekunde sein. Zwischen acht und neun Stunden dauert es in der Regel, bis das gereinigte Wasser das Klärwerk durchlaufen hat.

Derzeit fallen rund 6000 Tonnen Klärschlamm an, der entwässert werden muss. Wurden bislang dafür drei 35 Jahre alte Kammerfilterpressen eingesetzt, verwendet die SER nach der Modernisierung jetzt Dekanter – das sind Zentrifugen, welche die Aufgabe wirtschaftlicher erfüllen, wie Anton Schmuker, Ableitungsleiter Abwassertechnik bei der SER, ausführt. Nach der Modernisierung soll das Klärwerk West zwischen 120 000 und 140 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr  einsparen.

Das bei der Schlammfaulung freigesetzte Faulgas wurde bislang mit vier Blockheizkraftwerken verwertet. Diese werden im Herbst durch drei neue BHKWs ersetzt, die über eine Gesamtleistung von 490 Kilowatt verfügen. Aufgrund eines erhöhten Wirkungsgrades kann das Klärwerk rund 130 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen.

Eine weitere Herausforderung der kommenden Jahre besteht darin, den im Klärschlamm vorhandenen Phosphor zurückzugewinnen. Bis 2023 hat die Stadt ein Konzept vorzulegen, dessen Umsetzung bis 2029 erfolgen muss.

Voraussichtlich im kommenden Jahr startet der Neubau des Betriebs- und Sozialgebäudes, das rund 6,5 Millionen Euro kosten soll. Die hohen Investitionskosten werden sich auch auf die Abwasserpreise auswirken, die seit 2011 unverändert sind. In den kommenden Jahren werden die Reutlinger mehr für die Abwasserbeseitigung bezahlen müssen, kündigte Valin an.

Vierte Reinigungsstufe

Noch nicht in den Investitionen enthalten ist die „vierte Reinigungsstufe“. Sie soll dazu dienen, Spurenstoffe aus dem Klärschlamm zu eliminieren. „Wir gehen davon aus, dass sie kommt“, sagt Valin. Verwaltung und Gemeinderat hätten sich allerdings darauf geeinigt, abzuwarten, welche Anforderungen und gesetzlichen Vorgaben auf die Stadt in den kommenden Jahren zukommen und welche Fristen es einzuhalten gelte. Der SER-Leiter rechnet mit zusätzlichen Kosten von zehn bis 15 Millionen Euro.

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