Festivalleiter Florian Prey hat ein glückliches Händchen bei der Wahl des Leitspruchs bewiesen. Was ist vielseitiger und allgemeingültiger als die Frage nach dem Glück? Bei den Herbstlichen Musiktagen liegt die Antwort auf der Hand: Musik macht glücklich, zumal in einem Umfeld, wie es Bad Urach bieten kann.

Darin waren sich die Festredner Bürgermeister Elmar Rebmann und Bernd-Dieter Reusch von der Volksbank Ermstal-Alb eG einig – ob mit der Gitarre am Lagerfeuer oder chorsinfonisch in der Stiftskirche.

Erfreuliche Nachrichten brachte Ministerialdirigentin Dr. Claudia Rose vom Kunstministerium: Das Land hat seinen von Beginn an gewährten Zuschuss dieses Jahr erhöht (mehr auf der Bad Uracher Lokalseite). Vortragsredner Bernhard Lassahn nahm das Motto als Ausgangspunkt für eine flotte und gedankenreiche Besuchsreise in die europäische Denkerwelt von Epikur bis Hein Blöd aus der Kinderserie „Käpt’n Blaubär“ (Lassahn hat und anderem Hein Blöd betextet). Dabei denkt er laut nach über die Liebe als Zwei-Komponenten-Kleber und die Frage nach dem Weg zum Glück beziehungsweise weg vom Unglück. Ein eleganter Schlenker führt zum Segen des Schlafs und damit zum musikalischen Thema des Eröffnungsabends: Einer Anekdote zufolge soll Bach die Goldberg-Variationen als Erheiterungsmittel für einen schlaflosen Auftraggeber komponiert haben; Goldberg hieß dessen Cembalist.

Näheres Hinschauen lohnt sich eventuell bei „Hans im Glück“: Liegt das Glück womöglich in uns selbst? Oder gar in der Zukunft? Auch eine Art Nachruf auf Christof Stählin flicht er ein, der sich (hier in Bad Urach) gewünscht hatte, die erste Amsel singen zu hören.

Es ist wohl doch nicht so einfach – vielleicht hilft ein Blick auf die Unglücklichen weiter. Zum Beispiel auf Hiob oder Emil Cioran („Vom Nachteil geboren zu sein“), bei dem sich ein Hinweis auf die Bedeutung der Musik findet: Sie nämlich könne helfen, verlorenes Glück wiederherzustellen.

Auch das Saxophontrio Sax Allemande setzte in drei Musikblöcken das Festivalmotto beinahe wortgetreu um, in zwar nicht allen, aber den meisten der 30 Variationen von Johann Sebastian Bachs „Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veränderungen“, den „Goldberg-Variationen“. Frank Schüssler am Sopransaxophon, Stefan Mishula am Alt- und Markus Maier am Baritonsaxophon haben das Meisterwerk vom Cembalo auf ihre Instrumente übertragen.

Dabei treiben sie die Struktur der Variationen geradezu auseinander: Jede geblasene Stimme verfolgt ihre eigene Linie. Ständig werden Motive und Figurationen gewechselt und getauscht, die Klangcharaktere von Sopran, Alt und Bass färben Motive und Passagen verschieden ein, so dass der ursprünglich homogen gedachte Klang der Klavierinstrumente sich in ein farbiges Spiel der horizontalen Linien auflöst.

Atem und Emotion der drei Saxophone geben Bachs Kontrapunktik einen neuen Ausdruck. Das liedhafte Thema zu Beginn, die „Aria“, wird gepflegt und gefühlvoll durchgestaltet, doch die (umsortierten) Variationen werden frech gestoßen, dunkel getönt, rasant heruntergerasselt, dann wieder scharf punktiert und akzentuiert und mitunter zu atemloser Virtuosität gesteigert, im unablässig fliegenden Wechsel der Einzelstimmen. Am Ende kehrt man zu dritt zurück zum Glück der Harmonie: zur klassisch schön gestalteten „Aria“, zum Einsgefühl im großen Ganzen.