Selten hat der Bau eines Wohnhauses in Pfullingen im Vorfeld für so viel Aufregung gesorgt: Schon in der Planungsphase gab es Proteste gegen das städtische Gebäude in der Achalmstraße 71/1. 200 Unterschriften hatten die Anwohner gegen die „Dimensionierung“ des Hauses gesammelt, ein Bürger hatte sogar Klage eingereicht, weil er das Gebäude, das direkt vor seinem Schlafzimmerfenster entstehen sollte, als „Körperverletzung“ betrachtete. Selbst Stadträte wehrten sich dagegen, dass in der Achalmstraße Raum für rund 100 Flüchtlinge, Obdachlose und sozial Schwache entstehen sollte. Bei einem Informationsabend der Verwaltung machten gleich mehrere Bürger ihrem Ärger Luft, und so manch einer befürchtete, dass ein Ghetto entstehen könnte. Inzwischen ist der Sozialbau seit einem Jahr bezogen – und um das Haus Achalmstraße 71/1 ist es erstaunlich ruhig geworden.

Seit der Einweihung im Januar 2017 sind bei Manfred Wolf, dem Leiter des städtischen Ordnungsamts, keinerlei Beschwerden eingegangen. „Nicht ein einziger Anwohner ist bei mir hier im Rathaus aufgeschlagen“, erklärt er. Die Sorgen, die einige Pfullinger im Vorfeld umgetrieben haben, „haben sich wohl in Wohlgefallen aufgelöst“, sagt Wolf und betont, „dass der Hausfrieden in der Achalmstraße stimmt und es weder Ärger noch Auffälligkeiten gibt“.

Eine Feststellung, die Christian Wörner, Pressesprecher der Polizeidirektion Reutlingen, nur bestätigen kann. Im Suchregister findet er keinen einzigen Polizeieinsatz in der Achalmstraße 71/1. „Das ist kein sozialer Brennpunkt“, stellt Wörner klar. Genau diese Entwicklung zum Brennpunkt hatten die Bürger, die bei der Unterschriftenaktion gegen die Dimensionierung des Gebäudes mitgemacht haben, allerdings befürchtet.

An der Belegung des Hauses, das die Stadt als Drei-Säulen-Modell bezeichnet, hat sich in den vergangenen zwölf Monaten derweil nicht viel geändert. Gedacht war das Gebäude von Anfang an zu je einem Drittel für Flüchtlinge, Obdachlose und sozial Schwache. Die ersten Bewohner, die zur Jahreswende 2016/17 dort eingezogen sind, fielen jedoch in keine der drei Kategorien. „Es waren Mieter von städtischen Wohnungen in der Karl-Kuppinger-Straße. Wir hatten dort einen Wasserschaden und die beiden Familien mussten kurzfristig umziehen“, erläutert der Ordnungsamtsleiter. „Deshalb stimmt das mit den sozial schwachen Bewohnern auch nicht ganz“. Und auch die Zahlen von 100 oder gar 120 Menschen, die nach ersten Planungen in dem Sozialbau einziehen sollten, haben sich nicht bestätigt. „Tatsächlich leben hier etwa 90 Leute“, sagt Wolf. Denn auch wenn die Grundfläche theoretisch bei einem Platzanspruch von zehn Quadratmetern pro Person für über 100 Bewohner reichen würde – in der Praxis realisieren lassen sich solche Vorgaben nicht. „Was daran liegt, dass hier viele Familien eingezogen sind, nach deren Strukturen man sich richten muss. Ein Junge und ein Mädchen können sich zum Beispiel kein Zimmer teilen“, erklärt Wolf, der das Haus Achalmstraße als wichtige und erste „Antwort auf die städtische Wohnungsnot“ sieht. Wobei es in Pfullingen beim sozialen Wohnungsbau und der Flüchtlingsunterbringung noch immer erhebliche Defizite gibt, die mittelfristig unter anderem mit dem „Handlungsprogramm Wohnen“, das die Verwaltung mit dem etwas sperrigen Titel „Pfullinger Modell der kommunalen Baulandentwicklung und sozialgerechten Bodennutzung“ ausgestattet hat, behoben werden könnten. Gleichzeitig sind aber auch kurzfristige Lösungen – vor allem, was die Unterbringung von Asylsuchenden angeht – gefragt. So hat die Stadt gleich zwei Gebäude in der Krauß- und der Marktstraße vom Landkreis für die Flüchtlinge angemietet. „Und zwei städtische Wohnungen werden demnächst frei und stehen uns dann wieder zur Verfügung“, so Wolf.

Wenig genutzt hat indes ein Aufruf, den Bürgermeister Michael Schrenk vor einigen Monaten gestartet hat. Darin hatte er die Pfullinger dazu aufgefordert, ungenutzen privaten Wohnraum zur Verfügung zu stellen. „Aktuell sind beim Liegenschaftsamt der Stadt Pfullingen 357 Wohnungssuchende, Einzelpersonen und Familien registriert, die dringend Wohnraum suchen“, so Schrenk damals mit Verweis darauf, dass die Stadt verpflichtet ist, Obdachlose und Asylsuchende unterzubringen.

„Bekommen haben wir auf den Aufruf hin allerdings nur ungeeignete Angebote“, erklärt Wolf, der auch weiß, dass die Stadt schnell unter Druck kommen könnte, wenn die Flüchtlingswelle wieder ansteigen sollte. Zumal der Landkreis den Pfullingern laut Quotenregelung noch aus dem vergangenen Jahr 60 Asylsuchende zuweisen könnte.

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Asylbewerber und Flüchtlinge sind derzeit in Unterkünften der Stadt Pfullingen untergebracht, weitere 45 sind laut Ordnungsamt „in Privatwohnungen gelistet“.