Reutlingen Harsche Kritik und Unverständnis

Die Schnurbäume an der Reutlinger Stadthalle müssen aufwendig saniert werden. Der Bau- und Umweltausschuss stimmte dem vorgelegten Konzept zu, übte zuvor aber harsche Kritik an dem Vorgehen von Planungsbüro und Stadt.
Die Schnurbäume an der Reutlinger Stadthalle müssen aufwendig saniert werden. Der Bau- und Umweltausschuss stimmte dem vorgelegten Konzept zu, übte zuvor aber harsche Kritik an dem Vorgehen von Planungsbüro und Stadt. © Foto: Ralf Ott
Reutlingen / RALF OTT 29.07.2016
Harsche Kritik und Unverständnis hagelte es gestern Abend im Bau- und Umweltausschuss beim Blick auf die nötige Sanierung der Schnurbäume.

Mit einem turbulenten Abschluss verabschiedete sich der Bau- und Umweltausschuss des Reutlinger Gemeinderats in die Sommerpause: Einzig das notwendige Sanierungskonzept für die Schnurbäume an der Stadthalle (wir haben berichtet) stand gestern Abend auf der Tagesordnung. Während die harsche Kritik aus den Reihen der Ausschussmitglieder erwartet worden war, sorgte eine nicht geplante Stellungnahme der Verfasser des 500 Seiten starken Gutachtens direkt im Anschluss an die Sitzung gegenüber den Gemeinderäten sowie den Pressevertretern für eine Überraschung – gefolgt wiederum von einer sich daran anschließenden Stellungnahme der Stadtverwaltung mit deren Rechtsanwalt Professor Dr. Ulrich Locher.

Im eigentlichen Konzept für die Bepflanzung an der Stadthalle sollte sich ein zusammenhängendes Blätterdach durch die Schnurbäume ergeben, die zwölf Meter groß werden und damit bis zur Höhe des Balkons wachsen sollten. Doch davon sind die 69 Bäume der ersten beiden Bauabschnitte weit entfernt. „Das ist ärgerlich“, betonte Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz eingangs und nannte einen Mix aus Wetter, falscher Planung und Baumängeln sowie der mangelhaften Überwachung als Ursache. Im Fokus stehen dabei allerdings die zu kleinen Pflanzgruben. Zwölf Kubikmeter gelten laut „Forschungsanstalt Landschaftsentwicklung Landschaftssbau“ (FLL) als fachlicher Standard, 9,6 wurden geplant und als Folge von Baumängeln sind es nur 4 Kubikmeter geworden, führte Tiefbauamtsleiter Arno Valin aus. Die Stadt rechnet mit Sanierungskosten in Höhe von 360 000 Euro. In der Haftung steht das mit der Planung und Bauaufsicht beauftragte Planungsbüro Kienle, unterstrich der Anwalt.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Rainer Löffler erinnerte an das erwünschte gleichmäßige Blätterdach als entscheidenden Grund für die Auswahl des Entwurfs. „Gravierende Mängel führen jetzt zu ungleichmäßigem Wachstum“, sagte er. Das erwünschte Ergebnis sei nicht mehr zu erwarten. Unverständlich sei bei einer mittleren bis starken Schädigung von 55 Prozent der Bäume, wieso die Stadt nur den Austausch von 10 bis 20 Exemplaren vorsehe. „Wir haben jetzt die letztmalige Chance, durch einen weitgehenden Austausch der Bäume doch noch zum gewünschten Ergebnis zu kommen“, betonte er.

SDP-Stadtrat Johannes Schempp nannte die jetzige Situation einen „Scherbenhaufen aus Unvermögen, Ignoranz und Schlamperei“. Das Ausmaß der Planungsfehler „ist schlimmer als gedacht“ und es sei unverständlich, warum die Hinzuziehung des Gutachters so lange gedauert habe. An Hotz richtete er den Vorwurf, sich zu sehr auf den Architekten verlassen zu haben. „So viele Fehler müssen doch auffallen“, kritisierte Schempp. Auch er plädierte für eine radikale Sanierung.

Unverständnis über den zahlenmäßig geringen Austausch der Bäume äußerte auch Gabriele Janz (Grüne) und FWV-Rat Erich Fritz sagte, „eigentlich ist alles schiefgelaufen“. Hinterfragt wurden von ihm die in der Sanierung einkalkulierten 20 Prozent für Nebenkosten, doch Locher versicherte, dass für die Überwachung der Sanierung natürlich kein Honorar mehr bezahlt werde.

Auf Vorschlag von Löffler soll mit der Sanierung nun die Grundidee realisiert und nicht wie von Verwaltungsseite vorgeschlagen, nur deren „weitestgehende“ Umsetzung angestrebt werden. Zudem wird eine umfassendere Sanierung geprüft über die der Rat abschließend entscheiden kann – zwei Voraussetzungen unter denen der Ausschuss die Vorlage ohne Gegenstimme absegnete.

Unverständnis darüber, nicht zur Sitzung eingeladen worden zu sein, äußerten die Gutachter Roland Dengler und Sabine Koß. Sie warfen der Stadt vor, falsche Zusammenhänge darzustellen und wesentliche Fakten nicht präsentiert zu haben. Die genannte FLL-Richtlinie sei veraltet, bei der Lieferung der Bäume „ist die Stadt über den Tisch gezogen worden“. So stamme ein Teil der Bäume aus Italien und habe Probleme mit dem hiesigen Klima, es seien keine Sämlinge sondern Veredelungen, die Bäume wurden nicht so oft verpflanzt wie angegeben und sie seien bei der Lieferung kleiner gewesen, als vertraglich vereinbart, sagten die Gutachter. Zudem habe die Stadt einen Großteil ihres Honorars nicht bezahlt.

Allerdings hat das Gutachterbüro die Kostenvereinbarung um mehr als 120 000 Euro überschritten, wie Locher anschließend betonte. Die überaus detaillierten Untersuchungen seien nicht angefordert worden. „Entscheidend ist die Aussage des Gutachters, dass auch die besten Bäume in den zu kleinen Pflanzgruben nicht richtig wachsen hätten können“, unterstrich er. Einzig darauf nämlich gründen die Schadenersatzforderungen der Stadt, ergänzte Hotz.

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