Reutlingen Harlem Gospel Singers vor 600 Fans

Queen Esther & Ron Williams. Foto: js
Queen Esther & Ron Williams. Foto: js
JÜRGEN SPIESS 30.12.2013
Glücklich, wer dabei war: Ergreifend und lebensfroh brachten die Harlem Gospel Singers ihre Botschaft nach Reutlingen. Gut 600 Fans waren hingerissen.

Queen Esther Marrow verdankt ihren Namen einem biblischen Vorbild. Während Königin Esther im Buch der Bücher als wunderschöne Herrscherin verehrt wird, ist ihre späte Nachfolgerin mit einer Stimme gesegnet, die Wölfe zähmt.

Nicht umsonst entdeckte sie Duke Ellington, mit Harry Belafonte, Ella Fitzgerald und Bob Dylan ging sie auf Tour. Queen Esther Marrow ist der alles überstrahlende Stern im Starensemble der Harlem Gospel Singers, die sämtliche Schranken überwinden, was Routine und Gebote des Showbusiness angeht. Neben dem achtköpfigen Chor und Queen Esther Marrow stehen dieser Tage in der Stadthalle noch eine Band und Gastsänger Ron Williams mit auf der Bühne.

Mit unüberhörbarem Sendungsbewusstsein und voluminösen Stimmen zelebrieren sie einen Gottesdienst auf der Bühne und finden in ihrem Publikum eine dankbare Gemeinde, die bald nichts mehr auf den Stühlen hält. Der Vortrag der Gospel Singers ist so expressiv, dass man sich davon wie in einem Zug mitgenommen fühlt. Ohne weiteres wird man in eine Sphäre der Spiritualität gezogen, in der die afrikanischen Wurzeln dieser Musik und ihre amerikanische Elektrifizierung wie Schlinggewächse nach Menschen greifen, die ein ganz anderes Weltbild formte.

Mit ihrer Stimme, die mit einem enormen Tonumfang gesegnet ist, setzt vor allem die 72-jährige Leadsängerin Marrow der deutschen Festlichkeit groovige Glanzlichter auf. Sie vermittelt so etwas vom Wesen der Spirituals, jener oral history der nach Amerika als Sklaven verschleppten Schwarzen - und vom Gospel, der vor allem vom Neuen Testament inspiriert ist. Schlicht grandios ist Queen Esthers solistischer Vortrag der Soulballade "I believe", im sozialkritischen "None of us are free" setzt sie auf den göttlichen Funken des Groove.

Sämtliche Chormitglieder wirken als Solisten. Gleichzeitig klingt all das an, was Blues, Jazz und Soul attraktiv macht. Zumal der musikalische Direktor Anthony Evans, der auch als Sänger auftritt, mit seinen Klaviereinlagen wiederholt die Grenzen zum Jazz überschreitet.

Ergreifend auch das Ende des fantastischen Konzerts, als die Singers zur Endlos-Hymne von "Oh Happy Day" von der Bühne herab Besucherhände schütteln und gesegnete Weihnachten wünschen. Ein spirituelles Ereignis.