Reutlingen Hardrock Halleluja

10. Geburtstag: Die Retro-Band Stragula feierte Bühnenjubiläum. Foto: Kathrin Kipp
10. Geburtstag: Die Retro-Band Stragula feierte Bühnenjubiläum. Foto: Kathrin Kipp
Reutlingen / KATHRIN KIPP 15.05.2012
Mit singenden Gästen feierte die Reutlinger Low-Fidelity-Elektro-Combo Stragula ihren zehnten Geburtstag. Die Botschafter aus dem Paläozoikum der Orgelkunst wirken nach wie vor als Jungbrunnen.

Sie sind der Inbegriff des Retro und der Niedrig-Klangtreue. Und sie sind eine der lustigsten und coolsten Coverbands der Welt, naja, wenigstens der Reutlinger Welt. Wie immer sitzen sie auch in der Billardkneipe Woodys da als stoische Viererkette. Sie warten noch die Pokal-Siegerehrung von Dortmund auf Großbildleinwand ab, bevor sie mit ihrem Lo-Fi-Elektro-Beat loslegen.

Die denkmalgeschützten Orgeln aus dem 70er-Yamaha-, Casio- und Bontempi-Sortiment geben den unverkennbaren Stragula-Sound vor. "Stragmann" (Sumpfpapst Markus Schneller) und Stilikone "Plushbug" (Michaela Leippert), die heute mit einem neckischen Hütchen im Leopard-Look glänzt, bedienen die Tasten, das Mikro und den Publikumsgeschmack, "Bernd C." das Schlagzeug, "The Briggenatra" (Frank Brüggenolte) die Gitarre. Auf dem orange-braun-rot gedeckten Tisch dreht eine bunte Disco-Kugel zu den Wave-Punk-Surf-Folk-Hardrock- und Disco-Klängen ihre letzten Runden. Lichtschlangen umschmeicheln die fünf Exzentriker mit zartem Kellerpartyglanz. "Stragula" hört sich zwar so gefährlich an wie "Dracula", bezeichnet aber laut Wikipedia nur eine "kostengünstige Linoleum-Imitation" aus den 70ern und entspricht damit einem ungefähr genauso abenteuerlichen Lebensgefühl wie "Sexbomb" bei Stragula erotisch klingt.

Trotzdem ist Stragula natürlich eine sehr aufregende Band. Sie hat die vergangenen zehn Jahre nicht nur mit zahlreichen Live-Auftritten mit fremden und eigenen Songs verbracht, sondern auch mehrere CDs und Videos produziert, in der die Bontempi-Priester in Kirchen, vor Kühen, in roten Schuhen, mit reichlich Bier, "feinen jungen Brechbohnen" und on the road ihr Hohelied auf Minimalismus und Historizismus singen.

Fast könnte man sagen, dass Stragula in den hiesigen Clubs "Kult" ist, wäre der Begriff nicht so abgelatscht. Andererseits sind ja auch die gecoverten Songs von Stragula schon reichlich abgelatscht - von dem her passts ja wieder. Und so spielen die Früher-klang-vieles-besser-Musikanten einen bunten Strauß beliebter und unbeliebter Melodien, kennen keine Geschmacksgrenzen und holen die Kronjuwelen ("Cant Get Enough") wie die No-Gos ("Swinging Safari") der Rock- und Pop-Geschichte von ihrem hohen Ross herunter in die Tiefen der Emotionslosigkeit.

Trotzdem groovt es irgendwie, wenn die Melodien auf der Orgel betont anti-synkopisch und reduziert daherkommen. Jedes Solo klingt, als gelte es, im Musikgrundkurs durchzufallen. Jedes Stimmungs- und Live-Klischee wird gemieden. Für die Dramatik ist die fernöstliche Godzilla-Version zuständig, die im Hintergrund auf Leinwand abläuft.

Aber Stragula kann auch feiern: Zum Zehnjährigen werden die roten Schuhe aus dem "Chaussures Rouges"-Video verlost. Zu "Buenos Tardes" verbreitet der Teilzeit-Stragulist Olli mit seiner Trompete mexikanische Wüsten-Wehmut. "Walk, Dont Run" heißt an anderer Stelle die Surf-Devise.

Auch die Anti-Party-Bühnen-Performance der Retro-Nerds ist natürlich aufs Wesentliche - aufs schlichte Dasein - zurückgeführt. Das Schlagzeug macht Beat-Punk-RocknRoll-Disco-Rhythmus ohne viel Firlefanz, der Gesang ist reduziert, die Melodien vereinfacht, und viel wird instrumental erledigt. Aber dieses Mal herrscht gleich ziemlich Stimmung, vielleicht auch, weil die Vorband "Borussia Dortmund" den Gegnern aus Bayern eine Packung verpasst hat. Der Song von den "Sisters Of Mercy" klingt bei Gastsänger Matthias Günzler fast so schaurig wie im Original: "Kannst du mich schreien hören, Marian?"

Der Stragula-Sound ist eine Mischung aus Elektro- und Dreh-Orgel, Alleinunterhalter, Jahrmarkt, Synthie, Disco, Automaten-Pop und Kraftwerk. Viel Flanger und anderes effektvolles Gezitter. Techno minus 2.0. "Wir sind die Roboter" als programmatischer Song. Dann noch ein sexy Medley aus Hot Chocolate, Tom Jones und George Sampson, "Die Badewanne ist voll" von den zwei Gastsängern Armin Schmid und Monika Nagler, "Hardrock Halleluja" und "Das war eine schöne Party". Und die Disco-Kugel? Plötzlich dreht sie doch noch durch.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel