Klassik Happy new Yeah!

Umjubelt nach dem Reutlingen-Gastspiel: Götz Schumacher (rechts), Andreas Grau (ganz links) und Philharmonie-Chefdirigent Fawzi Haimor, in der Mitte.
Umjubelt nach dem Reutlingen-Gastspiel: Götz Schumacher (rechts), Andreas Grau (ganz links) und Philharmonie-Chefdirigent Fawzi Haimor, in der Mitte. © Foto: Marinko Belanaov
Reutlingen / Otto Paul Burkhardt 17.01.2018

Lauter Kracher! Ein Knaller nach dem andern! Das war nun wirklich eine geballte Ladung aus Humor, Optimismus und Lebensfreude. Statt der ollen Musik-Kamellen, wie sie jetzt wieder zu Jahresbeginn aufgewärmt werden, bot die Philharmonie bei ihrem Neujahrskonzert am Montag eine Auswahl besonderer, eigenwilliger Knüller.

Denn mit Dukas, Poulenc, Milhaud und Gershwin rückte sie Werke ins Gehör, die (mit Ausnahme von Gershwin) nicht ganz so allbekannt sein dürften und (mit Ausnahme von Dukas) alle dem 20. Jahrhundert entstammen.

Aber aufs „Wie“ kommt es an: Die Art, wie die Philharmonie unter dem neuen Chefdirigenten Fawzi Haimor aufspielte, kam schlichtweg mitreißend rüber.

Vielfältig schillernd

Das Ergebnis: ein vielfältig schillernder, präziser und detailreich durchhörbarer Klang, alles präsentiert in glänzender Spiel- und Swinglaune. Und wenn’s sein muss, mit mächtigem Wumms. Fawzi Haimors erstes Neujahrskonzert – es wurde zum vielversprechenden und umjubelten Ereignis: ein starker Start ins Jahr 2018.

Und was da an Instrumenten zum Einsatz kam: Autohupen etwa, oder ein Guiro, auch Ratschgurke oder Schrap-Idiophon genannt. Und Kuba-Pauken – im „Zauberlehrling“ von Paul Dukas (1897) nach Goethes Ballade, bei der ein übermütiger Magier-Geselle die herbeigezauberten Wassermengen nicht mehr stoppen kann. Fawzi Haimor macht daraus einen spannenden Orchester-Thriller – mit springlebendig hoppelnden Fagotten und Hörnern. Mehr noch: Er entfesselt mit der Philharmonie und strömenden Streicherfluten ein wildes Chaos aus gewaltigem Tschingderassabum und verzweifelten Klagerufen. Bis auf ein paar Wackler punktgenau koordiniert und packend in Szene gesetzt.

Sogar die Tuba bratzt

Klanglich, sprich: harmonisch, wagt sich Francis Poulenc in seinem Konzert für zwei Klaviere und Orchester (1932) da schon deutlich weiter. Mit Andreas Grau und Götz Schumacher agieren zwei aus der Region stammende, längst weltweit renommierte Pianisten, die dieses Werk schlicht souverän – und auswendig! - meistern. Hellwach, pointiert, brillant, mal beseelt, mal charmant jonglieren sie mit allen Facetten des Stücks. So entsteht ein Wundertüten-Szenario aus Music Hall, Varieté, Mozart-Hommage, Jazz und fernöstlichem Gamelan.

GrauSchumacher verschleudern ihren Poulenc eben nicht als Feuerwerks-Show knalliger Effekthaschereien. Nein, sie vermitteln das Werk als pulsierendes, ansteckendes Spiel voller Lebensfreude – hier übermütig, frech, fast rockig, dort schwärmerisch, mit viel Ironie, zeitvergessen. Haimor lässt kongenial und quirlig begleiten.

Sogar die Tuba bratzt irgendwann sforzatissimo mit, und am Ende verklingt alles in schöner Trance. Exzellent.

Klar, dass das Publikum von den beiden international reputierten local heroes eine Zugabe fordert: Nochmal Poulenc, und zwar „L’Embarquement pour Cythère“, eine Valse musette nach dem berühmten Watteau-Gemälde, auf dem eine erwartungsfrohe Gesellschaft eine Schiffsreise zur griechischen Liebesinsel Cythera antritt... Sehr animiert gespielt. Delicatissimo!

Ab nach Rio: Seine Eindrücke aus Brasilien wiederum verarbeitete Darius Milhaud, wie Poulenc ein Mitglied der Groupe de six, im Orchesterwerk „Le bouef sur le toit“ (1920).

Es ist ein Kaleidoskop aus populären Melodien – Tangos, Maxixes, Samba, Fado und mehr. Die Philharmonie unter Haimor inszeniert diese „Cinéma-Fantasie“ wie einen Karnevals-Umzug – lässt immer neue Farben und Rhythmen Revue passieren.

Das alles in kunterbunter Manier, herrlich angeschrägt und gepfeffert durch polytonale Schichtungen, gut durchmixt mit Guiro-Groove und teils richtig schmachtfetzig in den Trompeten geschmettert. Inklusive kleiner Tanzschritt-Einlagen des Dirigenten. Famos.

Mit Weltstadtflair

Die Krone aber gebührt an diesem Abend dem Finale – George Gershwins Jahrhundert-Poem „Ein Amerikaner in Paris“ (1928). Hier zeigt die Philharmonie, dass sie dank Fawzi Haimor schon etwas vom „spirit“ vieler US- Spitzenorchester ausstrahlen kann. Haimor lässt mitreißendes Musik-Kino ablaufen – Weltstadtflair und Flaneur-Feeling, Straßengetümmel, Glamour und Charleston-Rhythmen.

Bis hin zum grandios inszenierten Orchesterblues – zelebriert so blue as blue can be. Und Fawzi Haimors Gershwin-Lesart ist auch ein Stück Bekenntnis-Musik zu einer Klangwelt, bei der einem das Herz aufgeht, optimistisch und voller Verheißungen.

Was bleibt? Noch eine Zugabe, „Belle of the Ball“ (1951) von Leroy Anderson (der den „Typewriter“ komponiert hat): schwungvoll gewalzert.

Und die Erkenntnis, dass derlei Aufbruchstimmung wie in diesem Neujahrskonzert nicht schaden kann – in einer Zeit, da die Welt zunehmend aus den Fugen gerät.

Die Philharmonie, die Zukunft und steigende Abozahlen

Kulturell ist schwer was los in Reutlingen. Neuer Chefdirigent, neuer Theaterbau, neue Stadtmarke. Klar, dass die Phiharmonie auch im jetzt fertigen Tonne-Domizil präsent sein wird.

Und Cornelius Grube, Intendant der Württembergischen Philharmonie, kündigte am Montag beim Neujahrsempfang des Orchesters nach dem Konzert noch Weiteres an. Das eben gehörte Programm – mit Jazz-, Latin- und Blues-Elementen – symbolisiere auch, wohin der Weg des Orchesters führe: hin zu mehr Öffnung der Musik gegenüber anderen Kulturen und anderen Lebensweisen.

Fugato“, ein Projekt der Philharmonie mit Flüchtlingen, ist denn auch vom Deutschen Bühnenverein für eben jenen Kulturpreis nominiert worden, den das Orchester schon einmal gewonnen hat.

2019 soll die Fokus-Reihe sich mit dem Nahen Osten beschäftigen, und beim großen Philharmonie-Jubiläum 2020 wird unter anderem ein Auftragswerk eines Nahost-Komponisten erklingen. Auch die Öffnung zu anderen Kunst- und Aufführungsformen ist Thema.

So ist ein Schulkonzert geplant, bei dem Debussys „La mer“ mit Bildprojektionen von „Casa magica“ ergänzt wird.

Die Philharmonie, so Grube weiter, unternimmt außerdem Konzertreisen in die Schweiz, nach Österreich, Italien und Ungarn – dort gastiert sie in Budapest und der Partnerstadt Szolnok.

Und just beim Neujahrskonzert, so Grube, hat Markus Kurz sein Probejahr als künftiger Solo-Schlagzeuger bei der Philharmonie erfolgreich bestanden. Auch Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, die Stiftungsratsvorsitzende, war des Lobes voll fürs Orchester und für den neuen Chefdirigenten: „ein Hexenmeister!“.

Zu überlegen sei ferner, scherzte Bosch, ob man an die Stadthalle nicht „anbauen“ müsse. Warum? Weil die Abozahlen des Reutlinger Orchesters weiter steigen, was keine Selbstverständlichkeit ist: 1440 sind es derzeit, ein Höchststand. op

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