Alles bestens im Handwerk? Kammerpräsident Harald Herrmann konnte dies gestern vor der Hauptversammlung in der Hindenburgstraße bestätigen: Selbst wenn es 2019 bei Aufträgen und Azubizahlen nicht auf dem überaus hohen Niveau der aktuell sehr guten Zahlen bliebe, käme dies eher einer Normalisierung gleich.

Doch noch erfreut man sich des bundesweiten Rekordes, 2018 ein Umsatzplus von fünf Prozent erzielt zu haben – das beste Ergebnis seit 20 Jahren. Auch im Kammerbezirk Reutlingen, dazu gehören die Handwerksbetriebe in den Landkreisen Sigmaringen, Zollernalb, Freudenstadt, Tübingen und Reutlingen, sind die Auftragsbücher noch voll, „auch wenn wir zum Jahresbeginn 2019 etwas an Dynamik eingebüßt haben“, wie Herrmann ausführte.

Erläuterung gab er für den Teilbereich Umbauten und Reparaturen als einem wichtigen Teil von Handwerkerleistungen. „Irgendwann hat der Kunde ja alles in seinem Haus erledigt“, so der Fliesenleger-Meister. Trotz des anhaltenden, chronischen Facharbeitermangels will Herrmann „von einer Eintrübung nichts wissen“. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge sei um gerade einmal zwei Prozent  zurückgegangen. Und so sind es mit 1996 Neu-Azubis ziemlich genau die 2000, die im Kammerbezirk seit zehn Jahren fast immer erreicht werden.

Trend zum Studium

Ärgerlich sei bei den jungen Leuten in Deutschland jedoch der anhaltende „Akademisierungswahn“, wie Herrmann es nennt. HWK-Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert lieferte hierzu die Zahlen: In Baden-Württemberg gab es im Zeitraum 2018/19 allein 361 627 Hochschul-Studierende. „Das sind fast so viele wie die Zahl der Auszubildenden bundesweit, das hat mich doch bedenklich gestimmt“, sagte Eisert.

Positive Entwicklungen sei in der Region die bessere Integration der anerkannten Geflüchteten, die einen Ausbildunsgplatz bekamen. Deren Anteil von 6,8 Prozent könnte noch höher sein, wären da nicht die weiterhin hohen Sprachbarrieren, was besonders in den Berufsschulen auffalle.

Gut sei, dass das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz sich ein wenig wegbewege von der „Akademikerlastigkeit“, so Eisert. Deutschkenntnisse seien natürlich das Wichtigste. Allerdings werde die Latte zu hoch gehängt, indem die jungen Leute weiterhin mit einem nationalen Fachhochschul-Abschluss aufwarten müssen. „Ein Realschulabschluss im Herkunftsland sollte aber genügen“, ist Eisert überzeugt.

Was die Handwerkskammern zwischen Ostsee und Bodensee weiter umtreibt, ist der Wegfall der Meisterpflicht in vielen Handwerksberufen. Dabei gehe es doch in vielen Betrieben um ein hohes Niveau bei der Qualitätssicherung, dem Wissenstransfer und um den Verbraucherschutz. Der Bund indes, ärgert sich Eisert, habe bei den Anhörungen zur Neueinschätzung und damit auf dem Weg hin zu einer neuen Gesetzgebung bei der Meisterfrage „nur die Verbände der zulassungsfreien Gewerbe angehört“.

Was die Mitgliedsfirmen in fast allen Branchen neben der guten Auftragslage freuen kann, sind die „Benchmark“-Zahlen in Sachen Beiträge: Die 13 600 Unternehmen im Handwerkskammerbezirk Reutlingen liegen bei jährlich durchschnittlich 461 Euro – und damit knöpft ihnen die dortige Handwerkskammer landesweit am wenigsten ab. Die Spannweite bewegte sich dort 2017 zwischen 541 und 833 Euro.

Neue Bildungsakademie

Das konnten Herrmann und Eisert bei der gestrigen Hauptversammlung auch im Kontext der zur Zeit hohen Investitionen mit besonderer Freude vermelden. Bis Mitte 2020 wird die Kammer den gesamten Komplex der neuen Bildungsakademie im Tübinger Süden eröffnen – und bis dahin wohl rund 15 Millionen Euro dafür aufgewendet haben.

Bereits Ende August dieses Jahres soll die Kantine ihrer Bestimmung übergeben werden, im November folgt die Eröffnung des Internats. „Wir hatten seit Baubeginn bislang nur Kostensteigerungen von etwa sieben Prozent“, weiß Herrmann. „Und damit sind wir ganz gut aufgestellt“. Allein 4300 Azubis besuchen diese Einrichtungen jährlich, dazu kommen noch rund 1400 Teilnehmer an Fortbildungen.

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Prozent: Um diesen Wert ist die Zahl der neuen Ausbildungsverträge gesunken. 1996 Verträge sind derzeit bei der Handwerkskammer Reutlingen hinterlegt.