FESTIVAL Gute Stimmung, aber auch Tumulte beim KuRT-Festival

Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 11.07.2016
Live-Feeling und Sonne pur: Beim 10. KuRT-Festival herrschte Ausnahmezustand. Rund 18 000 junge Fans waren dabei, viele mussten aber draußen bleiben.

Ein Mega-Fest sollte es werden – und das wurde es auch. Obwohl das Jubiläumsfestival – zumindest was die Hauptacts angeht – dieses Jahr sehr hiphoplastig war und viele Besucher wegen Überfüllung erst gar nicht reinkamen, war die Stimmung an beiden Tagen „megagut und relativ entspannt“. So jedenfalls lautete das positive Fazit der Veranstalter.

Dabei gab es dieses Jahr zwei Neuerungen: Erstmals traten die zwölf aufspielenden Bands und Rapper nicht auf zwei Podien, sondern auf einer größeren Hauptbühne auf. Zudem startete das Festival etwas später als üblich, und die Sperrstunde wurde für beide Tage auf Mitternacht verlängert. Allein schon wegen der hohen Temperaturen am Nachmittag eine gute Entscheidung, denn wer will schon in der prallen Sonne Musik hören.

Auf der anderen Seite hatte dies zur Folge, dass viele Jugendliche erst abends kamen – und die Bands, die nachmittags spielten, weniger Gehör fanden. So bildeten sich vor allem am Samstagabend ab 20.30 Uhr eine gigantische Schlange, die vom Festivaleingang hinter der Stadthalle bis zum Tübinger Tor reichte.

Da laut Veranstalter bereits die genehmigten 6 000 Besucher auf dem Gelände waren, wurden auch keine weiteren Gäste mehr reingelassen, was zu zahlreichen Unmutsbekundungen führte: „Während die Headliner gespielt haben, standen bis zu 2 000 Leute vor dem Eingang“, so Jannik Rulitschka. Auch gab es laut dem KuRT-Vorstand zahlreiche Besucher, die auf anderen Wegen aufs Areal drängten, weshalb eine weitere Geländersperre aufgestellt werden musste. Bewährt hat sich dagegen die sechs mal vier Meter große Leinwand und die im vergangenen Jahr erstmals verwendete Beschallungsanlage: Sie kanalisiert die Livemusik nicht nur besser, sie strahlt auch punktueller ab: „Dadurch hielt sich der Lärm für die Anwohner in Grenzen“, erläutert Rulitschka, „wir hatte das ganze Festival über nur einen Beschwerdeanruf, und den konnten wir beruhigen“.

Zu den Konzerten: Dieses Jahr kamen eindeutig die HipHop-Fans mehr auf ihre Kosten. Während Rock- und Reggae-Bands die Bühne nachmittags bespielten, kamen die Headliner an beiden Tagen ausschließlich aus der Deutsch-Rap-Ecke. Den Auftakt am Freitag macht die Band DRNKN, die sich beim „Bandkurtest“-Wettbewerb gegen 250 andere Bands durchgesetzt hatte. Danach spielen die Reggae- und Dancehall-Truppe Miwata, die Berliner Punkband Smile and Burn und die Münchner Band Jamaram, die seit 16 Jahren einen überschäumenden Mix aus Reggae, Soul, Funk, Salsa und Balkanbeats produziert. Zwei Bläser, Keyboard und Drums gehen da mit E-Gitarre, Bass und dem nach vorne preschenden Gesang des Bandgründers Tom Lugo aus Puerto Rico eine zündende Verbindung ein. Danach verbreiten Grossstadtgeflüster mit angesagten Elektropop-Sounds vor allem gute Laune. Den Freitag beschließt der Rapper Maeckes, dessen ekstatischer Deutschrap mit elektronischer Ausrichtung von einer explosiv-schrillen Bühneninszenierung lebt.

Am Samstag entern zunächst die Bands Deface, Degenhardt & Kamikazes, Kobito und Sierra Kidd die Bühne, bevor es die derzeit hochgelobten Rapper Megaloh und SSIO aus Berlin krachen lassen. Der Sprechgesang mit rebellischer Gangsta-Rapper-Attitüde ist hier wie dort kaum voneinander zu unterscheiden. Während der Berliner Megaloh nur mit einem DJ an seiner Seite zeigt, dass es heute nicht unbedingt mehr Musiker auf der Bühne braucht, um eindeutige Botschaften, verbunden mit fetten Beats, rüberzubringen, hat Ssio zumindest einen Drummer dabei. Der selbsternannte Rocco Siffredi des Deutsch-Raps ist vor allem durch seine obszönen Texte bekannt, die sich von denen seiner Vorbilder aus den amerikanischen Rap-Ghettos nur in Bezug auf die Sprache unterscheiden. Animations-Show oder HipHop-Act? Manchmal lässt sich das bei Ssio nicht so ganz unterscheiden.

Und das durchschnittlich immer jünger werdende Publikum? Es ist begeistert, singt und rappt lautstark mit und macht all das, was der muskulöse Rapper mit der dicken Goldkette von ihnen fordert. Nein, Megaloh und Ssio brauchen weder Bühnen-Schnickschnack noch Glitzerfummel, um wie Popstars verehrt zu werden. Und schließlich kommt man ja auch zum KuRT-Festival, um sich und eine fette Party zu feiern.