Die Hochspannungsleitung, die derzeit am nordöstlichen Rand von Sondelfingen für Diskussionen sorgt, wurde bereits 1926 gebaut und gehört damit zu den ältesten in Deutschland. Zugleich nimmt sie im bundesweiten Stromverteilnetz die Rolle einer „Herzschlagader“ ein, wie Fachleute sagen. Bereits zu Beginn kam der Leitung die Aufgabe zu, den im Ruhrgebiet produzierten Strom in die Pumpspeicherbecken in den Alpen zu leiten und bei Bedarf wieder zurück, erklärte Jörg Weber, bei Amprion für die Unternehmenskommunikation zuständig.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur – unter den Vorzeichen der Energiewende – geht es inzwischen um den von Windrädern produzierten Strom in Deutschlands Norden, der in den Süden geleitet wird. In umgekehrter Richtung kommt zum Strom aus Wasserkraft gegebenenfalls die in Photovoltaikanlagen erzeugte elektrische Energie hinzu, die dann je nach Bedarf in den Norden zurückfließt. Die Firma Amprion plant, auf der bestehenden Leitungstrasse den Neubau von Masten und Leitungen. Derzeit gibt es ein 380-KV-Kabel und eines für 220-KV (Kilovolt). Letztgenanntes soll im Zuge der Erneuerung auf 380-KV erhöht werden. Von Herbertingen aus verzweigt sich die Leitung nach Bludenz und Tiengen.

Vor dem Hintergrund der Neubaupläne entstand die Idee, die Trasse an der Stelle, an der sie nahe an die Wohnbebauung heranreicht, zu verlegen, erläuterte Bezirksbürgermeister Werner Schenk eingangs. Diesem Wunsch kamen die Planer bei der Firma Amprion nach. Sie präsentierten am Dienstagabend im Sondelfinger Bezirksamt eine neue Variante für den Nordraum. „Heute sind die Masten 30 bis 40 Meter von den Häusern entfernt, mit der Variante würde die Leitung 150 bis 200 vom Ortsrand abrücken“, so Planungsleiter Werner Wiedemann. Zugleich werden die neuen Masten als Folge der höheren Spannung des zweiten Kabels 10 bis 15 Meter höher. In jedem Fall aber, so betonten es die Vertreter von Amprion, werden die geltenden Grenzwerte nicht nur eingehalten sondern weit unterschritten. Für das Magnetfeld gilt ein maximaler Wert 100 Mikro-Tesla, die neue Leitung wird bei 18 liegen. „Der Berechnung liegt zudem die Volllast zugrunde, die im Normalbetrieb keine Rolle spielt“. Den Anwohnern ist die von der Firma Amprion vorgeschlagene Abzweigung willkommen. Doch unter den Grundstücksbesitzern einer Kleingarten- und Wochenendhausanlage regt sich Widerstand, wie in der Informationsversammlung deutlich wurde. Sie befürchten eine Beeinträchtigung der Erholungsqualität. Eines der Argumente: Die Hochspannungsleitung sei schon lange vor der Wohnbebauung dort gestanden, warum also sollten sie jetzt Nachteile in Kauf nehmen. Alle 105 Grundstücksbesitzer auf 65 Parzellen sollen angeschrieben werden und ihre Zustimmung oder Ablehnung zum neuen Trassenverlauf schriftlich gegenüber dem Bezirksamt formulieren, kündigte Schenk an. Falle die Ablehnung nicht allzu groß aus, könne versucht werden, diejenigen im Gespräch umzustimmen. Doch die Gegner haben letztlich die besseren Karten. Die bestehende Trasse ist bereits genehmigt und daher steht einem Neubau nichts im Weg. Lehnen nun zu viele Grundstücksbesitzer den neuen Verlauf ab, dann kann das Regierungspräsidium im Planfeststellungsverfahren nicht zustimmen und folglich wird der Neubau im Bereich der jetzigen Leitung realisiert.

Noch weiter vom Ort abrücken lässt sich die Trasse nicht, da dann die Bestandstrasse verlassen und folglich ein Raumordnungsverfahren erforderlich werde. Aus der Sicht von Amprion ist die Verlegung der Trasse teurer und mit höherem Aufwand verbunden. „Doch wir sind dazu bereit“, sagte Wiedemann. Nicht zuletzt erhalten die betroffenen Grundstücksbesitzer eine finanzielle Entschädigung, betonte Weber. Auch die Netze-BW habe der Verlegung ihrer 110-KV-Leitung in diesem Bereich bereits zugestimmt. In einem Teilbereich sollen beide Leitungen auf einem Mast geführt werden. Die Planer rechnen 2020 mit einer Fertigstellung der neuen Leitung.