Reutlingen / JÜRGEN SPIESS  Uhr
Ein Straßenfest der schrägen Fahrräder und Fahrzeuge: Das niederländische Theater Maatwerk zog beim Festival "Kultur vom Rande" laut krakeelend und Musik spielend vom Spitalhof zur Marienkirche.

Eine Frau mit einem Gesicht, das immer zu lachen scheint, auch wenn es traurig dreinschaut. Eine Frau mit einem Körper, der sich windet im lustvollen Hochgefühl der Musik. Eine Frau mit einer Stimme, die das Los der Ausgestoßenen in weichen Tönen, klagend und doch triumphierend, mit solcher Vehemenz ins Rund schleudert, dass einem der Atem stockt. Big Mama BonQuiQui ist keine Gospelsängerin, keine Falsett-Artistin, kein Stimmbandwunder. Sie ist nur einzigartig.

Diese Straßenkünstlerin, sie thront auf einem Fahrrad, das wiederum auf einem fahrbaren Podest platziert ist, ist Kopf der in Reutlingen schon bestens bekannten Rotterdamer Straßenmusik-Gruppe Theater Maatwerk, zu der noch neun weitere Musiker und Performer gehören. Am Donnerstag zog die bunte Truppe nachmittags mit lautem Getöse, unverwüstlichem Gebläse und wildem Trommelschlag vom Spitalhof über den Marktplatz bis zur Marienkirche, wo sie den angrenzenden Weibermarkt zur Theaterbühne umfunktionierte.

Allein schon die wunderlichen Fahrzeuge, auf denen sich die zehn geistig behinderten Performer fortbewegen, sind ein Augenschmaus: Da gibt es ein kleines Wohnzimmer auf Rädern mit Opasessel, zwei Lautsprecherboxen und froschgrünem Sonnenschirm. Andere Rollpodeste tragen Fahrräder und sind ausstaffiert wie eine Kirmesbude oder fangen an zu trommeln, wenn man die Pedale tritt.

Alle Darsteller spielen irgend ein Instrument, zu hören sind ein Sousafon, Saxofon, Posaune, Akkordeon, Pfeifen, drei Trommler und ein Taktstockschwinger. Und wenn das futuristische Ensemble, das bereits 1987 in Rotterdam gegründet wurde, Songs wie Jay Hawkins "Put a spell on you" anstimmt, entsteht daraus ein wildes Durcheinander von Tönen und Rhythmen. Ihre postmoderne Straßen-Freakshow wird von den Fußgängerpassanten zunächst etwas hilflos bestaunt, doch spätestens nachdem sie sich eingegroovt haben, ist der Funke tieferen (Un-)Sinns übergesprungen. Nur Biedermänner ergreifen bei dieser skurrilen Metamorphose zwischen Musikspektakel und Klamauk die Flucht. Wer bleibt, genießt Läuterung oder klatscht und singt einfach mit.

Die zehn Darsteller des Theaters Maatwerk zaubern ein Spektakel auf die Straße, das dem Motto des Festivals - überall und irgendwo - voll gerecht wird. Zudem ist es exzentrisch, ausgeflippt und auch ein wenig melancholisch und romantisch - einfach schön. Dazu: Bunte Kostüme, holländische Grachtenmusik, die tanzende Marionette Mimi und viel Humor, gelegentlich auch wüste Tanzstücke. Man kann sich auch treiben lassen in dieser Musik, und schon sieht man sich versetzt auf einen Jahrmarkt um die Jahrhundertwende, mit all den kleinen Bösewichtern, Ausgestoßenen und kauzigen Träumern, von denen Big Mama BonQuiQui und ihre Kollegen vom Theater Maatwerk so traumverloren singen.