Gesellschaft Gleichstellung ist überfällig

Sükran Aydin und Ela Houas von der internationalen Elternschule "Ferda" unterstützen das Projekt von Rebecca Muamba, das hier die Besucherinnen des Weibermarkts inspizieren.
Sükran Aydin und Ela Houas von der internationalen Elternschule "Ferda" unterstützen das Projekt von Rebecca Muamba, das hier die Besucherinnen des Weibermarkts inspizieren. © Foto: Angela Steidle
Angela Steidle 03.05.2015
Selbst wenn es mit dem Chancengleichheitsgesetz gut läuft und Reutlingen bald eine Gleichstellungsbeauftragte bekommt, bleibt noch viel zu tun, sagt Sozialministerin Katrin Altpeter beim Weibermarkt.

„Gute Arbeit ist kein Männerthema. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege betrifft in Zukunft Männer und Frauen gleichermaßen. Rein rechtlich sind in Deutschland Mann und Frau gleichgestellt. Tatsächlich sind wir noch weit davon entfernt.“ Die Rede der Landes-Sozialministerin Katrin Altpeter auf dem 13. Weibermarkt zu „30 Jahre Forum Reutlinger Frauengruppen FRF“ war flammend: „Frauen sind viel häufiger in prekären Bereichen beschäftigt als Männer. Wenn die Ehe oder die Partnerschaft in die Brüche geht, ist das nach vielen Minijobs der direkte Marsch in die Grundsicherung.“

„Acht Prozent weniger Lohn scheint man in der Männerwelt einfach so hinzunehmen“, protestierte die Sozialdemokratin, „wenn Verdi mit solch einer Forderung in die Tarifverhandlungen ginge, wäre der Aufschrei der Unverhältnismäßigkeit groß. Damit muss endlich Schluss sein! Mit Appellen und Goodwill“, so Altpeter, „ist bei der aktuellen Gerechtigkeitslücke nichts zu holen“. Besonders am Herzen liege ihr die gesetzliche Verankerung der Frauenbeauftragten und die Stärkung der Rechte der Chancengleichheits-Beauftragten: „Dass wir 2015 noch ein Gesetz für gleichen Lohn brauchen zeigt, was noch zu tun ist.“

Im Mittelalter war Frauen in Reutlingen lediglich an der Marienkirche erlaubt, Handel zu treiben, am „Weibermarkt“ eben. Der Reutlinger „Weibermarkt“ setzt heute Impulse aus dieser Tradition heraus. Vor kaum 40 Jahren sei es noch üblich gewesen, dass Frauen ihre Männer um Erlaubnis bitten mussten, bevor sie einen Job annahmen, erinnerte Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke. Die Grünen-Politikerin wertschätzte den Antrieb einer Handvoll Reutlinger Frauen, die sich schon vor 30 Jahren in der Stadt auf Augenhöhe eingemischt haben: „Ihr seid die Klammer, die in Reutlingen alles zusammen hält. Nur wenn Frauen entschieden daran festhalten, verändern sich die Rahmenbedingungen. Gleichstellung muss endlich selbstverständlich sein.“

Mit Anerkennung und Respekt bedankte sich Bürgermeisterin Ulrike Hotz für „die Klarheit, Sicherheit und Orientierung“, die das Forum Reutlinger Frauengruppen anderen Frauen gebe. „Selbstsichere und selbstbewusste Frauen, die Einfluss nehmen und sich etwas trauen“, seien der natürliche Feind einer Macht, die vom gediegenen Rollenverhalten lebt. Hotz: „Die Grundidee des Forums – Weltoffenheit und die Auseinandersetzung mit wichtigen Zeitfragen – beeinflusst auch die Gleichstellung von Mann und Frau.“

FRF-Vorsitzende Edeltraut Stiedl bedankte sich für das viele Lob zum Jubiläum: „Uns würde das viel besser bekommen, wenn wir die Unterstützung einer Gleichstellungsbeauftragten hätten. Das Ehrenamt hat seine Grenzen, an die stoßen wir ständig.“

Der 13. Weibermarkt im Spitalhofsaal und davor stand unter dem Leitgedanken „Frauen handeln“ und war am Samstag zum Wochenmarkt eine extrem belebte Plattform mit Angeboten vom Frauenprojekt im Kongo für Gewaltopfer, Bürgerkriegswaisen und alleinstehende Mütter, über die Frauen-Joboffensive 50+, kulinarische Highlights, Solidarität für die Arbeit von Hebammen und Frauen-Kulturinitiativen bis zum Reutlinger Angeboten für Mädchen und Eltern. Nur ein Ausschnitt dessen, was Frauen wollen, können und vorarbeiten.