Reutlingen Glanzlichter im Sommerregen

Reutlingen / Von Susanne Eckstein 23.07.2018

Gut, dass die Verantwortlichen diese 17. und vermutlich letzte Classic Night („in dieser Form)“ trotz strömenden Regens durchgezogen haben. Das Publikum ließ sich vom Wetter nicht schrecken, laut Veranstalter bevölkerten 2200 Besucher (mehr als zuvor) die Stadiontribüne an der Reutlinger Kreuzeiche. Sie erlebten eine glänzende Abschiedsvorstellung, bevor 2019 das Klassik-Open Air wegen einer Konzertreise der Chöre ausfallen und 2020 in neuer Form fortgeführt werden soll.

Das Programm setzte auf das bewährte Konzept: eine „Nacht der Oper“ mit renommierten Solisten und regionalen Einlagen, getragen von Philharmonia Chor und Betzinger Sängerschaft in Verbindung mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, musikalisch (seit 2001) geleitet von Martin Künstner.

Als Solisten traten diesmal die Classic-Night-erprobte Sopranistin Christine Reber, der aus Costa Rica stammende Tenor Juan Pablo Marin und der Trompeter Simon Höfele an. Die Moderation übernahm Monique Cantré.

Das Motto „italienische Nacht“ wurde (abgesehen vom Wetter) komplett eingelöst: nicht nur in den Arien und Chören aus Opern von Bellini, Puccini und Verdi, sondern auch in Form von drei bekannten Neapolitanischen Liedern, einem der „Antiche Danze“ für Orchester von Respighi und zwei Trompetenkonzerten.

Diese haben sowohl Bellini wie Albinoni eigentlich für Oboe geschrieben (Trompeten „konnten“ zu ihrer Zeit nur Naturtöne); damit boten sie dem jungen Solisten Simon Höfele Gelegenheit, sein ganzes Können zu zeigen: virtuose Beweglichkeit, biegsamen, reinen Ton und nuancierte Gestaltung bis in extremste Höhen – so gesehen ein gleichwertiges instrumentales Gegenstück zu den ebenso ausdrucksstark wie makellos interpretierten Arien und Duetten.

Auch dieses Mal hat Martin Künstner Musizierende aus der Region dazugeholt: die ebenfalls von ihm geleitete (und blasend verstärkte) Jagdhornbläserkameradschaft Eningen. Nach dem Musikverein Mössingen im vorigen Jahr war das nun ein weiteres Laienensemble im Open Air, zudem eines, das uralte Freiluftmusik pflegt: Der Ton der Parforcehörner ist rau und kantig wie die Alb, die Jagdhornbläser/innen brauchen das Können von Alte-Musik-Spezialisten, um die ventillosen Hörner zu beherrschen. Sie bliesen gekonnt eine orchesterbegleitete Jagdmusik von Rossini und mehrere Stücke am Ende der Pause – „Hirsch tot“ oder „Pause beendet“? – als stimmiger Klang zur nächtlichen Landschaft.

Aus den Opern waren teils seltener aufgeführte Chorszenen, teils berühmte Auszüge zu hören. Diese markierten mit dem „Gefangenenchor“ aus „Nabucco“, dem Liebesmonolog des Alfredo, dem „Bacchanal“, dem Freiheitsbekenntnis der Violetta („Sempre libera“) und dem überschäumenden Trinklied („Libiamo, ne’lieti calici“) aus „La Traviata“ späte Highlights des langen Abends, bevor das Feuerwerk von Ulrich Frick den finalen Knaller lieferte. Zwar musste der Triumphmarsch aus Verdis „Aida“ schon mehrfach für diesen Zweck herhalten, doch diese Musik und die präzise abgestimmte Pyrotechnik boten auch dieses Mal wieder einen spektakulären Hochgenuss.

Der große Jubel gab den Veranstaltern recht: Die „klassische Nacht“ im Freien ist ein Erfolgsmodell. Viele würde sich wünschen, dass diese Konzertform – in welcher Art auch immer – weiterbestehen kann.

17

Die 17. Classic Night ist am Wochenende im Reutlinger Kreuzeiche-Stadion über die Bühne gegangen, kommendes  Jahr wird pausiert, dann eventuell neu aufgerollt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel