„Ich hab’ mir noch keinen Drink genehmigt und auch noch keinen Joint gedampft“, stellt Howe Gelb nach gut einer Stunde klar. „Ich hab’ einfach nur gute Laune“, beteuert der Ausnahmemusiker und Songwriter, als er zu den aktuell als Trio auftretenden Giant Sand Christian Blunda von der Vorband Touchy auf die Bühne bittet. Mit seinem Schwiegersohn an der zweiten Gitarre läutet der 63-jährige aus Pennsylvania stammende Giant-Sand-Fixstern das großartige Finale eines äußerst genüsslich und allem Anschein nach über weite Strecken spontan gestalteten Konzerts am Mittwochabend im Reutlinger franz.K ein.

Essen, Licht und Gitarre

Der Grund für Gelbs Gutaufgelegtsein: „Ich mag diesen Ort.“ Die Band werde im franz.K stets gut versorgt, nicht mal am Licht habe er als größter Beleuchtungskritiker vor dem Herrn etwas auszusetzen. Und von Jimmys Musiklädle im nahen Tübingen stamme seine Gitarre. So ist Howe Gelb: ein großer Erzähler und eine treue Seele.

Sprudelnd vor Kreativität

Der seit Mitte der 1970er in Tucson/Arizona beheimatete Mann, der dort vor fast 40 Jahren die unter variierenden Namen und in wechselnder Besetzung als Mutter des Desert Rock sowie herausragende Inkarnation von Americana bis Alt-Country geltende Band gegründet hat, spielte etwa jahrzehntelang regelmäßig in der Geislinger „Rätsche“. „Weil die uns schon früh eine Auftrittsmöglichkeit gaben.“

Stimme und Timing sind stetig gereift

Das vergisst dieser vor genreübergreifender Kreativität sprudelnde und stimmlich ebenso wie aufs Timing bezogen immer weiter reifende Ziehsohn eines Neil Young und große Bewunderer Leonard Cohens nicht. Am Mittwoch tritt Gelb nach dem halbstündigen „Wüste versus Düsseldorf“- oder „Crazy Horse meets Kraftwerk“-Set seiner Tochter Patsy Jean Brown und deren Mann Christian Blunda derart gesprächig, lustvoll und gelöst auf, dass die rund 300 teils von weither angereisten Fans kaum an die angekündigte Auflösung von Giant Sand glauben wollen.

Vom Pokern gelernt

Auch dazu äußert sich Howe Gelb im Verlauf dieses immer wieder durch Zielwürfe seiner üblicherweise tief ins Gesicht gezogenen Kappe kreuz und quer über die Bühne aufgelockerten Abends.

Ulm/Reutlingen

Wie beim Poker solle man aufhören, wenn es gerade am Besten läuft. „Ich weiß, das habe ich schon mal gesagt, aber damals habe ich nur geübt.“

Letzter Deutschland-Gig der letzten Tour

Wobei er kurz zuvor erst dem Üben eine Absage erteilt hatte: Bands, die proben, seien Lügner. Und sich noch weitere Lügen zu leisten, dafür sei es zu spät. Stattdessen „eskortiert“ er seine Mitmusiker am letzten Deutschland-Gig der letzten Giant-Sand-Tour ohne ersichtliche Setlist durch die jüngste seiner mehr als 55 Publikationen, „Recounting The Ballads Of Thin Line Men“, und deren 1986er Vorbild „Ballad Of A Thin Line Man“ – gespickt mit allerlei Anspielungen auf The Knack und Ramones.

Larkins zurück vom „Sabbatical“

Der nach 33-jährigem „Sabbatical“ unter anderem von Jonathan Richmond zurückgekehrte Tommy Larkins an den Drums nimmt Improvisation nebst selbstironischer Flachserei wie ein Profi; die an die schönen Comic-Heldinnen von Bastien Vivès erinnernde, erst 1994 geborene Gitarristin Annie Dolan am Bass reagiert mit Verve und Humor.

Johnny Thunders zum Finale

Die finale Interpretation von Johnny Thunders’ „You Can’t Put Your Arms Around A Memory“ – samt Christian sowie Patsy in Vertretung ihrer Mutter Paula Jean Brown – als wüstenrockig kraftvoller Jam macht eh allen nur gute Laune.