Die Zahl der Beratungsanfragen ist sowohl in den Geschäftsstellen von Benjamin Stein (Verdi) wie auch bei Tanja Silvana Grzesch (IG Metall) geradezu explodiert. Statt weniger als zehn Anfragen pro Tag seien es nun mehr als 200, berichtet Stein. Ähnliches vermeldet Grzesch. Die Geschäftsstellen der beiden Gewerkschaften sind noch geöffnet, wobei fast niemand mehr persönlich vorbeikomme. Die Telefone jedoch stehen bei beiden kaum mehr still.

Viele Beschäftigte unterbezahlt

„Es sind plötzlich Berufe in den Mittelpunkt gerückt, die bisher unterbezahlt waren“, sagt Stein, „und denen wenig Wertschätzung entgegengebracht wurde, wie etwa Verkäuferinnen und Laden-Mitarbeiter, die nun nonstop dafür sorgen, dass die leergeräumten Regale wieder gefüllt werden.“ Schon jetzt seien viele von ihnen ausgefallen. Der Rest versuche mit aller Macht, den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten. Der Erlaubnis sonntags zu öffnen, erteilten glücklicherweise viele Läden eine Absage, da ihr Personal schon am Rand der Belastungsfähigkeit arbeite, betont Benjamin Stein am Dienstag in einer Telefonkonferenz.

Auch in anderen Bereichen – etwa bei nun zwangsweise geschlossenen Möbelhäusern – sei die Situation katastrophal. Da dort Mitarbeiter in Kurzarbeit nur 60 Prozent des bisherigen Verdiensts erhalten. Viele könnten laufende Kosten wie Kita-Gebühren nicht mehr bezahlen.

Moritz Stiepert, Sekretär der Region Südwürttemberg des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Reutlingen, erklärt, für die gesamte Nahrungs- und Gastronomiebranche bedeute die Bezahlung von 60 Prozent Kurzarbeitergeld den direkten  Absturz in die Sozialsysteme. Wenn nun also Unterstützungszahlungen an die Einrichtungen, Betriebe und Gaststätten erfolgen, dann müssten auch die Beschäftigten davon profitieren, fordert er. Der DGB befinde sich im Gespräch mit dem Finanzministerium, ob Beschäftigten in Kurzarbeit die Kita-Gebühren zurückerstattet werden. „Das Ministerium will den Kommunen beispringen“, sagt Stiepert.

„Die momentane Situation bedeutet eine extreme Herausforderung in allen Betrieben der Metall- und Elektroindustrie“, bestätigt Tanja Grzesch. „Corona knallt allen voll auf die Füße.“ Deshalb seien nun für Baden-Württemberg auch die Tarifvereinbarungen von Nordrhein-Westfalen übernommen worden, die keinen Entgeltanstieg bedeuten. „Wir wissen, dass wir gerade ganz andere Probleme haben – wir brauchen die Betriebe, um Arbeitsplätze zu haben“, sagt die Vertreterin der IG Metall. Im Land könnten sich die Beschäftigten allerdings noch glücklich schätzen, wenn sie in Kurzarbeit müssen: Sie erhalten dann 80,5 Prozent ihres vorherigen Nettoentgelts. Viele hundert Anrufer bei der IG Metall äußerten Sorge, wie es überhaupt weitergehe.

Online-Beratung für Tariflose

Noch viel schwieriger als die Anfragen aus tarifgebundenen Betrieben seien besorgte Fragen aus Betrieben ohne Betriebsräte: „Wir machen da jetzt Online-Rechtsberatungen.“

Ob das Maßnahmenpaket der Bundesregierung für Klein- und Kleinstbetriebe tatsächlich hilft, ist laut Benjamin Stein im Moment noch unklar. „Dabei dreht sich ja auch viel um die Frage, wie lange die Ausgangsbeschränkungen noch aufrechterhalten bleiben.“ Die drei Gewerkschafter begrüßen die Beschränkungen, welche die weitere Verbreitung des Coronavirus verlangsamen sollen. „Seit Sonntag ist der Bevölkerung wohl klar, worum es geht“, meint Tanja Grzesch.

In den Kliniken der Region arbeiten laut Verdi-Bezirkschef Stein die Beschäftigten vielfach schon über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Und das angesichts des Umstands, dass noch kein Großansturm auf die Krankenhäuser herrscht wie in Italien oder Spanien. Doch auch hier sei die Infektionsgefahr in den Kliniken groß, weil Schutzausrüstungen fehlen. Schutzmasken fehlen auch im gesamten Dienstleistungsbereich, wo direkter Kontakt mit Menschen besteht.

Bei Bosch keine Kurzarbeit in Sicht

Zum Reutlinger Bosch-Standort sagt die IG-Metall-Bevollmächtigte: Vor allem in der Halbleiterfertigung arbeite die Belegschaft bislang ganz normal, Kurzarbeit sei dort nicht in Sicht. Sollte es zu Einschränkungen kommen, würden zunächst die Arbeitszeitkonten abgebaut. Im Gebiet der IG Metall Reutlingen-Tübingen habe es bisher noch keine Entlassungen oder gar Firmeninsolvenzen bei Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie gegeben.

„Bei allem, was sich gerade in der Region und im Land verändert, zeigt sich eindeutig, dass wir auf die öffentliche Daseinsvorsorge extrem angewiesen sind – vielleicht ziehen die Verantwortlichen auch endlich eine Lehre daraus“, resümiert Moritz Stiepert.