Zwischen Maximalversorgung und Wirtschaftlichkeit: Beim 25. ESB Wirtschaftsforum diskutierten sechs hochkarätige Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft über das Spannungsfeld und die Zukunft des deutschen Krankenhaussektors. Die Veranstaltung, die pandemiebedingt erstmals online stattfand, wird alljährlich von Studierenden der ESB Business School der Hochschule Reutlingen ehrenamtlich organisiert.

Dringend Behandlungsbedürftig

Der „Patient Krankenhaus“, darin waren sich die Diskussionsteilnehmer einig, ist dringend behandlungsbedürftig. Pflegenotstand, wirtschaftlicher Druck und technischer Rückstand machen eine umfassende strukturelle Reform nötig.
Wie diese genau aussehen kann, darüber tauschten sich die Experten angeregt aus. So sprach sich Prof. Dr. Michael Bamberg, Vorstandsvorsitzender und Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Tübingen, beispielsweise für abgestufte Versorgungsebenen aus: „Als Maximalversorger nehmen wir heute schon viele Patienten aus kleineren Krankenhäusern auf, die bestimmte Behandlungen nicht durchführen können. Nicht jedes Krankenhaus kann einen Experten für alles haben.“

Kleine, spezialisierte Krankenhäuser

Die Schließung einzelner Bereiche oder gar ganzer Krankenhäuser ist jedoch immer auch ein regionales Politikum. Einen Vorschlag zu Gunsten von Standorterhaltung machte daher Prof. Dr. Andrew Ullmann, Obmann der FDP im Bundestagsausschuss für Gesundheit: „Wir brauchen kleine, spezialisierte Krankenhäuser mit Schwerpunktsetzungen, die von den großen Maximalversorgern flankiert werden.“
Immer wieder stellte die Runde heraus, dass wirtschaftliche Überlegungen im Gesundheitswesen ein besonders sensibles Thema sind. Matthias Mohrmann, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg, betonte: „Wir müssen der Bevölkerung deutlich machen, dass sie keinen Sicherheitsverlust erleidet, wenn wir das System umbauen.“ Als Lösungsansätze diskutierten die Experten beispielsweise den Ausbau der ambulanten Versorgung, Schaffung regionaler Notarztstandorte und Akutkrankenhäuser sowie eine starke und versorgerunabhängige überregionale Abstimmung.

Großes Potenzial in Digitalisierung

Besonders großes Potential sahen die Diskussionsteilnehmer im Bereich Digitalisierung: „Wir erleben in dieser Pandemie, so schlimm sie auch ist, eine sprunghafte Innovation“, stellte Siegmar Nesch, Berater im Gesundheitswesen bei Nesch Consulting, fest. Dies könne neben technischen Neuerungen vielleicht auch zu einer neuen Form der Zusammenarbeit und Führungskultur im Krankenhaussektor beitragen. Digitalisierung und Kollaboration sah auch Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes, als zentrale Faktoren an. Im internationalen Vergleich habe Deutschland hier aber noch einen weiten Weg vor sich: „Uns fehlt aktuell die Infrastruktur, die Einigung auf Standards und der praktische Alltagsgebrauch über Modellprojekte hinaus.“

Am Menschen orientiert

In ihren abschließenden Statements zeigten sich die Diskussionsteilnehmer des 25. ESB Wirtschaftsforums dennoch optimistisch und vor allem überzeugt von der Wichtigkeit ihrer Aufgabe. Oliver Rong, Senior Partner im Bereich Pharma und Healthcare bei Roland Berger, schloss die Diskussion: „Das Krankenhaus der Zukunft ist für mich menschenzentriert, digitalisiert, regional integriert und es wird dort auf Augenhöhe zusammengearbeitet. Das Beste ist aber: Die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns ist im Gesundheitssektor immer bereits eingebaut.“