"Ich saß in meinem Office - da klingelte das Telefon. Und wenn um 11 Uhr vormittags ein Mensch mit schwedischem Dialekt anruft, hat man da schon so eine Ahnung:" Gerechnet allerdings hatte der damals schon seit fünf Jahren emeritierte Professor und mehrfache Ehrendoktor Harald zur Hausen nicht mehr mit einem Medizin-Nobelpreis. Doch die Nobelversammlung des Karolinska-Instituts nahe Stockholm befand, dass der gebürtige Gelsenkirchener dieser Auszeichnung würdig ist.

Schließlich ist es zur Hausen im Kampf gegen den Gebärmutterhalskrebs gelungen nachzuweisen, dass dessen Entstehung auch von Viren hervorgerufen werden kann - gegen die sich die Frauen sogar impfen lassen können. So es noch nicht zu spät ist.

Bereits 42 Jahre zuvor hatte zur Hausen die Hypothese aufgestellt, dass humane Papillomviren (Warzenviren) eine Rolle bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) spielen würden. Harald zur Hausen war von 1972 bis 1977 Leiter des Instituts für Klinische Virologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Die Entdeckung des Auslösers der bei Frauen dritthäufigsten Krebserkrankung eröffnete neue Perspektiven der Vorbeugung - und führte dann tatsächlich zur Entwicklung spezieller Impfstoffe, die es seit 2006 gibt. Eine Garantie, nicht doch noch, aus anderen Gründen, an dieser Art Krebs zu erkranken, gibt es freilich nicht.

Apropos Medikamente: Für manche Mittel gegen Krebs, gerade zum Beispiel Impfstoffe, "werden immer noch skandalös hohe Preise verlangt", so zur Hausen. Der ansonsten mit den Pharma-Firmen milde und auf professionelle Weise pragmatisch umgeht: "Wir brauchen diese Kooperationen, sie sind unabwendbar", konstatiert Harald zur Hausen. Um sogleich anzufügen: "Diese Zusammenarbeit ist sogar notwendig, aber sie darf die eigene Arbeit auf keinen Fall steuern."

Zu Gast im Spitalhof hatte am Montag das Katholische Bildungswerk im Kreis Reutlingen einen 77-jährigen Mann, der weiterhin vor Energie sprüht und der als weltbekannter Forscher neben der schwedischen Auszeichnung noch 53 weitere, hochrangige Wissenschaftspreise verliehen bekam. Und dazu auch das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.

Seine 1960 abgelieferte Doktorarbeit an der Uni Düsseldorf handelt von der heilsamen Wirkung mancher Bohnerwachs-Sorten. Sie wirken in der Tat bakterizid. Die Fußböden in Tuberkuloseheilstätten wurden häufig mit ultraviolettem Licht bestrahlt. Einige Bohnerwachse entwickelten dadurch eine positive Wirkung auf den Heilungsprozess.

Nein, Arzt wollte Harald zur Hausen eigentlich nie werden. Schon während des Studiums stand für den jungen zur Hausen fest, dass er in die Forschung gehen werde. 20 Jahre war er (bis 2003) als wissenschaftliches Mitglied Vorsitzender des Stiftungsvorstands des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg .

Im Spitalhof befragten ihn Ulla Heinemann, die Rektorin der Albert-Schweizer-Realschule in Tübingen, und Karl-Heinz Rauch, der Leiter der Gewerblichen Schule in Hechingen ist.

Der Buchautor von "Gegen Krebs" (2010) und dem Bestseller "Genom und Glaube" (2002), spricht von der tödlichen Krankheit emotionslos und mit der Abgeklärtheit eines Naturwissenschaftlers: "Jeder von uns trägt das Risiko in sich, von heute auf morgen an Krebs zu erkranken." Das sei "wie ein negativer Volltreffer in der Lotterie", so zur Hausen, der heute in der Nähe von Heidelberg lebt. Und der aber auch zum Nachdenken über die Bevölkerungsentwicklung anregt mit der Aussage: "Gäbe es denn wirklich keine tödlichen Krankheiten mehr, dann hätten wir doch eine komplett andere Gesellschaft."

Der von zur Hausen über die Jahrzehnte hartnäckig untersuchte Gebärmutterhalskrebs verfolge dabei folgende Strategie: Das Erbgut von Infektionen, eingeschleust durch Geschlechtskontakte, verstecke sich quasi wie ein terroristischer "Schläfer" bis zu 20 Jahren in den Zellen. Das ist eine sehr lange Latenzzeit. Dann schlägt das Virus zu.

Nicht rauchen und weniger Alkohol trinken: Das seien schon einmal gute Voraussetzungen im Kampf gegen Krebs. Und bloß kein lediglich "medium" gebratenes, "rotes Fleisch", also von Rindern, essen. "Schön rosa bringt den Tod", so zur Hausens Erkenntnis. Wer ihm gut zuhöre, werde womöglich "keinen nicht durchgebratenen Rostbraten mehr ohne Reue essen", gab der Medizin-Nobelpreisträger seinen Zuhörern mit auf den Weg.