Es war keine schnelle Entscheidung. Der Gedanke ist vielmehr lange gereift. „Als die Grünen dann entschieden, einen eigenen Kandidaten oder Kandidatin aufzustellen, war es für mich klar, dass ich mich bewerbe“, sagt Cindy Holmberg. Seit sie ihre Kandidatur eingereicht hat, ist sie unermüdlich unterwegs. Tür-zu-Tür-Wahlkampf, Wahlprospekte verteilen auf dem Wochenmarkt, Gespräche in den Stadtteilen, Kneipentour und Erstwählerparty in der kommenden Woche und vieles mehr. „Ich bediene kein Klientel, sondern bin vielfach vernetzt“, sagt die dreifache Mutter, die seit 2002 Grünen-Mitglied ist. Am Dienstagmorgen stand sie schon um 6 Uhr in der Frühe am Reutlinger Hauptbahnhof, um Werbung in eigener Sache zu machen. Ein OB-Wahlkampf ist hart und verlangt den Bewerbern Ausdauer ab.

Ein OB muss den Weg vorgeben

„Die typische Verwaltungslaufbahn habe ich nicht“, sagt Holmberg. Aber die brauche man auch nicht unbedingt, um Oberbürgermeisterin einer Großstadt wie Reutlingen zu werden. Auch ihr Parteikollege Boris Palmer in Tübingen habe diese Verwaltungsausbildung nicht und lenke die Geschicke der Stadt dennoch erfolgreich, befindet Holmberg. Weitere Beispiele gebe es aus anderen Städten. „Die erste Aufgabe als OB ist es nicht zu verwalten. Dafür gibt es die Verwaltungsdezernenten. Ein OB muss den Weg vorgeben“, ist sie überzeugt.

Genau das will Holmberg tun, so sie denn zum neuen Stadtoberhaupt in Reutlingen gewählt wird. Die Stadt gestalten, Ideen einbringen und diese realisieren, das traut sie sich durchaus zu.  Da sei sie dann doch ein bisschen amerikanisch im positiven Sinne, sagt die 43-jährige gebürtige Reutlingerin und Tochter eines US-Militärs und einer deutschen Mutter. Vielleicht hat sie die Gestaltungstätigkeit ja auch ein bisschen im Blut, schließlich ist der langjährige einstige Baubürgermeister von Metzingen Walter Veith ein Verwandter, den sie schon immer „Onkel Walter“ genannt hat.

Gesamtheit aus dem Blick verloren

Mit dem Wahlslogan „Reutlingen kann’s besser“ will Holmberg auf ein, aus ihrer Sicht, Grundproblem der vergangenen Jahre hinweisen: In Reutlingen wurde so manches begonnen, Einzelaktionen wurden getätigt, aber oft habe man das Ganze, die Gesamtheit aus dem Blick verloren. Dabei könnte man, sagt sie, so vieles aus der Stadt machen. „Reutlingen ist wunderschön.“ Da ist zum Beispiel die historische Altstadt, die belebt werden soll. „Es braucht Sitzgelegenheiten und Aufenthaltsbereiche, es braucht Einkehrmöglichkeiten, Straßen und Plätze, die zum Ausgehen einladen.“ Einst habe man eine Altstadtrahmenplanung beschlossen, diese sei allerdings nicht umgesetzt. Dazu gehöre auch, Straßen in der Altstadt autofrei zu halten. „Mein Ziel ist es, innerhalb von zehn Jahren diese Altstadtrahmenplanung umzusetzen.“ Um die Stadtgestaltung voran zu bringen, setzt Holmberg auf mehr Bürgergespräche und Bürgerwerkstätten. Die rasche Realisierung der Regionalstadtbahn will sie zur Chefinnen-Sache machen. Und im Bereich Verkehrsplanung sollten ihrer Ansicht nach viel mehr Leute der Verwaltung arbeiten. Dass der Radwegemasterplan nach und nach umgesetzt wird, sieht sie als Anfang. „Aber für die Umsetzung eines Radwegenetzes bräuchte man Experten.“ Dass überall ein wenig mit der Umsetzung begonnen wird, sieht sie kritisch, das ergebe kein Ganzes. Und dann bestehen laut Holmberg in der Stadt noch zahlreiche alte Radwege, die ganz einfach ungepflegt seien. „Es darf diesmal nicht passieren, dass man anfängt und dann das Netz nicht zu Ende bringt.“

Als Aufenthaltsbereich sieht die Grüne auch die Bereiche entlang der Echaz, das Areal rund um Bürgerpark und ZOB sowie den Platz um den Hauptbahnhof. Überall dort gebe es kaum Sitzmöglichkeiten, den ZOB will sie gerne zurückbauen, vor allem im Zuge des neuen Stadtbuskonzeptes, das ab September greifen soll. „Die Architektur muss für den Menschen sein“, sagt Holmberg im Blick auf Stadthalle und Bürgerpark. Dort sei die Architektur zwar preisgekrönt, aber was nutze dies, wenn es keine adäquaten Aufenthaltsbereiche für die Bürger gebe. Zur „Stadtentwicklung mit Herz“, wie Holmberg es nennt, gehören ihrer Ansicht nach auch Cafes und Kneipen, ein vielschichtiger Einzelhandel, Restaurants.

Zu einer veränderten Stadtplanung zählt für Holmberg auch die Wohnbau-Entwicklung, und zwar nicht nur in den 1a-Lagen wie jetzt am Stuttgarter Tor und in der zukünftigen City Nord. Auch die nachrangigen Lagen will sie adäquat entwickeln. Für Durchschnittsverdiener fordert Holmberg bezahlbaren Wohnraum und will dazu die GWG, aber auch andere Investoren, wieder mehr in die Pflicht nehmen, mit einer Quote von 30 Prozent geförderten Wohnraum. „Wir dürfen nicht noch mehr Flächen an Investoren verlieren.“

Die Stadtkreis-Entscheidung des Gemeinderats wird Holmberg mittragen. „Auch wenn ich grundsätzlich eine andere Haltung habe.“ Zwar habe die Stadt das Recht, einen Stadtkreis zu gründen, die Grüne fragt sich allerdings, weshalb aus den anderen Fraktionen nicht schon längst Widerstand gegen Entscheidungen im Kreistag gekommen sei. Die Reutlinger Kreisräte hätten da nicht selten Fraktionsinteressen über Stadtinteressen gestellt. Im Falle ihrer Wahl setzt die Grüne auf den Dialog mit dem Kreis.

Eine Agenda hat sich Holmberg im Falle ihrer Wahl auf jeden Fall vorgenommen: Die Stadtverwaltung weiblicher zu machen. Im Vergleich zum Bevölkerungsanteil seien dort immer noch zu wenige Frauen, vor allem in Führungs- und Entscheidungspositionen. Aber soll es bei Stellenvergaben nicht weniger um das Geschlecht als vielmehr um Kompetenzen gehen? „Sehen Sie“, sagt Holmberg, „so eine Frage würde man gegenüber einem Mann gar nicht stellen.“

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Cindy Holmberg, Daten und Fakten


Geboren am 21. September 1975 in Reutlingen, verheiratet, drei Kinder. Staatlich geprüfte Wirtschaftskorrespondentin in englischer und spanischer Sprache.

Holmberg ist derzeit Mitarbeiterin der Bundestagsabgeordneten Beate Müller-Gemmeke, arbeitete zuvor in einer Rechtsanwaltskanzlei und in der Geschäftsleitung der Pius-Altenpflege, war Lehrbeauftragte für Englisch an der Fachhochschule für Technik in Reutlingen.

Seit 2013 ist Holmberg Mitglied im Kreisvorstand der Grünen Reutlingen und im Landesvorstand der Grünen, seit 2009 Mitglied im Reutlinger Kreistag, von 2004 bis 2008 war sie Gemeinderätin in Reutlingen.