Denkmaltag Geschichtsträchtige Orte

Reutlingen / Carola Eissler 09.09.2018

Die Jugend geschichtsvergessen? Von wegen. Was die Jugendgeschichtswerkstatt, der Stadtjugendring und die Geschichts-AG des Johannes-Kepler-Gymnasiums im Haus der Jugend zum diesjährigen Tag des offenen Denkmals boten, konnte sich sehen lassen. Zwölf Jugendliche hatten wochenlang die Historie des geschichtsträchtigen Hauses in der Museumstraße recherchiert. Und präsentierten gestern die Ergebnisse in zwei Rundgängen. Spannend, klar, präzise und verständlich brachten Franziska von Wulffen und Ardit Jashanica die Historie des 1566 erbauten Hauses an sechs Stationen auf den Punkt.

Rund 1300 Besucher waren in Reutlingen beim „Tag des offenen Denkmals“ unterwegs. Das heutige Haus der Jugend in der Museumstraße war einer der Besichtigungspunkte. Einst war es Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude der Reutlinger Armenpflege, im 19. und 20. Jahrhundert Gefängnis, Turnlokal, Kaserne und Polizeistation. 1952 wurde es saniert und der Jugend als „Haus der Jugend“ übertragen. In den Anfängen trafen sich dort Gewerkschaftsjugend, Naturfreundejugend, evangelische Jugend und viele weitere Gruppierungen.

Professor Roland Wolf vom Reutlinger Geschichtsverein betonte, die Mikrogeschichte des Hauses lasse sich gut mit der politischen Geschichte verbinden. So ziehen sich die fünf Stationen von der Freien Reichsstadtzeit über das Spätmittelalter, den großen Stadtbrand von 1726 bis zum 19. und 20. Jahrhundert. Wolf warnte davor, das Mittelalter als das angeblich finstere zu bezeichnen. Denn gerade das 20. Jahrhundert habe mit der NS-Diktatur wohl die finsterste Zeit hervor gebracht.

Im Haus der Jugend wurde gestern auch an das Schicksal der Sinti-Familie Reinhardt erinnert, ebenso wie im Gerberhäusle am heutigen ZOB, wo einst die Familie wohnte. Denn während des Dritten Reiches war das Gebäude in der Museumstraße auch Sammelstelle für Abtransporte in die Konzentrationslager.

Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz lobte so viel Engagement, gerade bei der Jugend. „Wie soll man denn sonst Zukunft gestalten, wenn man keinen Bezug zur Geschichte hat.“

Diese Einschätzung trifft auch noch auf eine ganz andere Station beim „Tag des offenen Denkmals“ in der Innenstadt zu. Der Altstadtfreundeskreis Reutlingen hatte im Garten des Heimatmuseums das Modell des so genannten gläsernen Hauses zur Sanierung der Häuser in der Oberamteistraße aufgebaut und informierte. Gerade von dieser Sanierung erwarte man eine Bereicherung der Kulturmeile. In Zukunft soll übrigens ein monatlicher Stammtisch mit dem Altstadtfreundeskreis stattfinden, so dass sich Bürger direkt in die Sanierungsvorschläge denkmalgeschützter Häuser in der Altstadt einbringen können.

In acht Gebäuden hatten die Besucher des Denkmaltags Gelegenheit, sich über die Geschichte zu informieren und in sonst verschlossene Winkel vorzudringen. So wurden die Besucher über den Dachboden der Marienkirche geführt, konnten eine Orgelführung mitmachen oder den Kirchturm besteigen, sie konnten sich die ehemalige Arbeiterkolonie Gmindersdorf zeigen lassen oder das Amtsgericht besichtigen.

Geschichte zum Anfassen

Seit 25 Jahren wird bundesweit der „Tag des offenen Denkmals“ in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz veranstaltet. Jedes Jahr am zweiten Sonntag im September gibt es Geschichte zum Anfassen, wenn historische Bauten und Stätten, die sonst nicht oder nur teilweise zugänglich sind, ihre Türen öffnen und Millionen von Architektur- und Geschichtsliebhaber zu Streifzügen in die Vergangenheit einladen. Ziel des „Tags des offenen Denkmals“ ist es, die Öffentlichkeit für die Bedeutung des kulturellen Erbes zu sensibilisieren und Interesse für die Belange der Denkmalpflege zu wecken.

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