Die Beziehung beginnt harmonisch und endet wegen Gewalt vor Gericht. Ihr Lebensgefährte soll sie mit Faustschlägen ins Gesicht malträtiert, sie an den Haaren gezogen, ein Glas auf ihren Kopf geschlagen, sie gewürgt, mit einem Schraubenzieher versucht haben auf sie einzustechen, mit dem Messer an der Kehle bedroht und vergewaltigt haben. Zehn Vorfälle sind es, die Staatsanwalt Dr. Thomas Trück dem Angeklagten zum Prozessauftakt vor der zweiten großen Strafkammer des Landgerichts Tübingen vorhält. Begangen wurden die Taten zwischen Mai und August vergangenen Jahres. Die Frau hat inzwischen das Land verlassen.

Drogen im Spiel

In seiner Einlassung, die Verteidiger Benjamin Fischer verliest, will der Mann das so nicht stehen lassen. Seine Freundin sei die Dominante in der Beziehung gewesen, auch im sexuellen Bereich. Er beschreibt sie als wankelmütig. Sie habe ihn beleidigt, gereizt, gedemütigt. Sie habe ihn angegriffen, er sich verteidigt. Vergewaltigt habe er sie nicht. Drogen seien immer wieder im Spiel gewesen. Den Messerschnitt unter dem Auge der Frau gibt er zu, er könne sich aber nicht genau erinnern, weil er viel Alkohol getrunken habe. Sie beide hätten heiraten wollen und seien auch schon auf dem Standesamt gewesen. Als sie eines Tages nicht nach Hause kam, habe er bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Er hatte Angst, ein Freier könne sie entführt haben. Um die Reise zu ihrer kranken Mutter nach Italien bezahlen zu können, habe sie sich prostituiert.

Aussage unglaubwürdig?

Der Verteidiger ergänzt: „Die Aussagen sind wirr und nicht detailgetreu, sie verschweigt ihre Gewalttätigkeit und vergisst, dass sie ihn ehelichen wollte.“ Ihre Aussage hält er deshalb für unglaubwürdig.

Diese gegensätzlichen Aussagen zu entwirren, ist nun die Aufgabe des Gerichts. Was sich als nicht so leicht herausstellt, auch weil die Beweislage dünn ist. Hinzu kommen zwölf Eintragungen im Vorstrafenregister des gebürtigen Irakers, dessen Vater eine eigene Fabrik hatte, in der er als Kind bereits mitgeholfen hat. Fliehen musste er, weil er in seiner Heimat für Freunde eine Tasche mit Waffen versteckt habe, die die Polizei bei ihm fand. Mit diesen wurde ein Mann umgebracht und die Familie habe Blutrache geschworen. Weil er in der Asylunterkunft ein Mädchen etwa zehn Minuten in seinem Zimmer festgehalten hat, wurde er wegen Freiheitsberaubung verurteilt. Gefährliche Körperverletzung, Hehlerei, Vortäuschung einer Straftat, sexuelle Nötigung und Betrug sind in der Akte ebenso zu finden. Wegen Vergewaltigung saß er bereits einmal im Gefängnis. Ein Sachverständiger hat ihm damals eine Persönlichkeitsstörung und mangelnde Impulskontrolle attestiert und somit eine verminderte Schuldfähigkeit festgestellt.

Opfer nicht im Gerichtssaal

Die frühere Lebensgefährtin war zum Prozessauftakt nicht im Gericht. Die Ermittlungsführerin von der Reutlinger Polizei berichtete von der Vernehmung, bei der die Frau durcheinander, aufgebracht und aufgelöst gewesen sei. Die Vernehmung sei kein Leichtes gewesen, da die Frau die Taten nicht chronologisch wiedergeben konnte. „Sie war während der ganzen Vernehmung sehr impulsiv, schwer einzufangen, sie hat das erlebt, als sie das erzählte“, sagte die Beamtin vor Gericht. Auf Nachfragen habe die Frau mit den Worten reagiert, sie sei doch hier Opfer und nicht Täter. Das Wort „abschlachten“ sei von der Frau im Zusammenhang mit dem Geschehenen häufig verwendet worden. Die Frau hätte Angst um ihre fünf Kinder gehabt und um ihr eigenes Leben.

Ein weiterer Polizist sagte an dem Prozesstag schließlich zu der Vermisstenanzeige des Angeklagten aus. „Mein Bauchgefühl sagte mir, da stimmt etwas nicht.“ Er erklärte dem Mann damals, dass nicht einfach so nach einer erwachsenen Person gesuchte werde. Da habe der Mann behauptet, seine Frau sei suizidgefährdet und könnte auch ihren Therapeuten und dem Familienhelfer etwas antun. „Mir kam es so vor, dass der Angeklagte nur etwas vorlegte, damit nach ihr gesucht wird.“

Weitere Zeugen werden zum nächsten Prozesstag kommenden Dienstag gehört.