Reutlingen Genug von sozialer Spaltung

Rund 1400 Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes verliehen gestern auf dem Reutlinger Marktplatz ihrer Forderung nach mehr Gehalt Nachdruck. Foto: Jan Zawadil
Rund 1400 Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes verliehen gestern auf dem Reutlinger Marktplatz ihrer Forderung nach mehr Gehalt Nachdruck. Foto: Jan Zawadil
JAN ZAWADIL 10.03.2012
6,5 Prozent mehr Lohn fordert die Gewerkschaft Verdi für die Beschäftigten des Öffentlichen Diensts. Gestern legten dafür rund 1400 Angestellte mit ihrem Warnstreik Teile des öffentlichen Lebens lahm.

"Die nächsten Milliarden sind für uns, nicht für die Banken", bekräftigte Dagmar Schorsch-Brandt, stellvertretende Verdi-Landesbezirksleiterin, gestern Nachmittag auf dem Marktplatz. Der Applaus für diese Forderung hätte kaum größer sein können. Rund 1400 Beschäftigte des Öffentlichen Diensts aus Reutlingen und Tübingen waren dem Verdi-Aufruf zum ganztägigen Warnstreik gefolgt.

Wo die Beschäftigten ihre Arbeit niedergelegt hatten, waren die Auswirkungen schon deutlich zu spüren. So blieben die Mülltonnen in großen Teilen des Reutlinger Nordraums ungeleert, in Betzingen und Sondelfingen standen die Vereinssportler vor verschlossenen Türen, da sich selbst die Hausmeister dem Streik angeschlossen hatten.

Zudem waren zahlreiche Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der Technischen Betriebsdienste, der Kindertagesstätten, des Klinikums, der Fair-Energie sowie des Landratsamts dem Streikaufruf gefolgt.

Für Unmut sorgte gestern vor allem die Ungleichbehandlung. Laut Schorsch-Brandt hätte nicht der jetzt ausgeschiedene Bundespräsident einen Ehrensold verdient, sondern die Beschäftigten aus dem Öffentlichen Dienst wie beispielsweise Altenpflegerinnen.

Weil die Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn beziehungsweise mindestens 200 Euro aber nicht überzogen sei, wurde schnell deutlich, dass sich die Gewerkschaft in der aktuellen Tarifrunde nicht auf Spielchen einlassen will. Denn: "Die Arbeitgeber müssen sich jetzt verdammt warm anziehen", sagte Schorsch-Brandt, die ein anständiges Gehalt forderte, von dem die Beschäftigten auch leben könnten. Dass diese Forderung nicht unverhältnismäßig sei, erklärt sich für die stellvertretende Landesbezirksleiterin auch damit, dass die Lohnentwicklung nicht mit der Preissteigerung Schritt gehalten habe: "Lebensmittel, Energiepreise, Mieten sind überdurchschnittlich gestiegen." Und das seien keine gefühlten, sondern reale Steigerungen.

"Die Menschen haben die soziale Spaltung satt", konstatierte die Verdi-Frau weiter. Allerdings dürften sich keine Oberbürgermeisterin und kein Landrat über einen Fachkräftemangel beklagen. Dass in Reutlingen nämlich 50 Erzieherinnen-Stellen unbesetzt seien, liege einzig und allein an den schlechten Gehältern. "Nur wenn wir Stärke zeigen, werden wir gewinnen", betonte Jörg Wolff, Vorsitzender des Verdi-Bezirksvorstands. Dürften doch nicht mehr nur Profite zählen. Vielmehr sei der Öffentliche Dienst systemrelevant und für das Gemeinwohl unerlässlich. Dass die Arbeit im Öffentlichen Dienst "brutal unterbezahlt" sei, erklärte darüber hinaus als Gastredner der Erste Bevollmächtigte der IG Metall, Gert Bauer, der die Forderungen der Kollegen als angemessen bezeichnete. Schließlich sprudelten die Steuereinnahmen angesichts der wirtschaftlichen Lage. Außerdem muss aus Sicht des Metall-Gewerkschafters endlich eine Vermögenssteuer eingeführt werden, denn die Spitzensteuersätze liegen zwischenzeitlich um zehn Prozent niedriger als noch in der Ära von Bundeskanzler Helmut Kohl. Zudem haben sich gestern die Vorsitzenden der SPD in Stadt und Kreis Reutlingen, Daniela Harsch und Sebastian Weigle, solidarisch mit den Streikenden des Öffentlichen Dienstes und deren Forderungen erklärt.