Es gibt sie noch, auch im "klassischen" Bereich: Künstler, die sich gängigen Standards widersetzen und einen eigenen Stil wagen, auch wenn er hie und da auf Unverständnis stößt. Zu ihnen darf man wohl Kirill Gerstein rechnen, einen aus Russland stammenden Pianisten, der vom Jazz ausgehend Konzertpodien und Kammermusik eroberte. Seit 2007 lehrt er an der Musikhochschule Stuttgart.

Schon das Programm bewies Mut zum Unpopulären: Stücke aus Béla Bartóks Lehrwerk "Mikrokosmos", sämtliche 15 dreistimmigen Inventionen ("Sinfonien") von Johann Sebastian Bach und alle 12 "Études d'exécution transcendante" von Franz Liszt, jeweils en bloc - eine Herausforderung für Spieler und Zuhörer. Ein wenig zu kurz kam Béla Bartók. Von den 153 Stücken des "Mikrokosmos" griff Gerstein nur zwei chromatische Inventionen heraus, als Hinführung und Kontrast zu denen von Bach, die den ersten großen Werkblock bildeten. Was gleich auffiel, war das kunstlos-ruppige Spiel: Hier war kein Anschlags-Feingeist oder Stil-Ästhet am Werk, sondern ein Musiker mit anderen Prioritäten.

Ganz oben steht für Kirill Gerstein offenbar die Freiheit, die Werke auf seine Weise - komplett auswendig - nachzuvollziehen. Selbstverständlich hält er sich an die Noten, doch erlaubt er sich den Luxus, jeweils die Aspekte und Elemente zu betonen, die ihn spontan faszinieren, hier das Kernmotiv, dort den Rhythmus. Die barocken Figurationen werden eher beiläufig als Klang-Deko gestreift. Das tragende Grundelement ist die Bewegung, der Drive - eine Spielweise, die dem Jazz zu eigen ist. Wo andere Pianisten versuchen, die Charaktere der Stücke herauszuarbeiten, bürstete Gerstein rundweg alles gegen den Strich in seine lockere, rhythmusbetonte Richtung. Die Reaktion des Publikums war verhalten. Dieser Pianist ist weder Stilist noch Ästhet oder Show-Virtuose - was macht er dann mit Liszt?

Zunächst einmal gilt ihm höchste Anerkennung, dass er die höllisch schwierigen "Études d'exécution transcendante" komplett auswendig bewältigt; stets ein Kraftakt für Spieler und Zuhörer. In Gersteins Fall wurde die Last erleichtert: Dadurch, dass er (aufgrund seiner Jazz-Wurzeln) nicht dem extremen Perfektionsanspruch folgt, der die Klassik-Szene prägt, erweitert er seinen Gestaltungsspielraum. Wo anderswo vor lauter Anstrengung und Bombast die Grundzüge der Stücke unkenntlich werden, wurden sie hier nachvollziehbar.

Von der Basis-Bewegung aus trieb Gerstein die Klangmassen der schnellen Etüden in souveränem Drive vor sich her, und dort, wo man intime Stimmungen zaubern könnte, ließ er sich gar nicht erst darauf ein, nur hie und da erlaubte er (umso beeindruckender) kantables Strömen. Die "Feux follets" (Irrlichter) machte er zu einer Bewegungsstudie, ebenso die "Vision", die ohne die übliche Pomp-Dramatik einen klaren, schlüssigen Eindruck hinterließ. Die Magie von Gefühl und Klavierklang, die er durchaus auch beherrscht, hielt er in den Schranken rhythmischer Prägnanz.

In den "Harmonies du soir" verweigerte er das romantische Schwelgen - er spielte einfach und unsentimental, gerade bei Liszt ein Kunststück für sich. So wurde der am Ende aufrauschende Schneesturm ("Chasse-neige") unter Gersteins Händen zu einer kühlen Erfrischung - und einem ungewöhnlichen Klavier-Erlebnis. Im Publikum: Irritation und Jubel zugleich.