Metzingen Gefesselt in den Konventionen

Mozarts "Entführung aus dem Serail": Das Theater Pforzheim überzeugte musikalisch beim VRM-Gastspiel.
Mozarts "Entführung aus dem Serail": Das Theater Pforzheim überzeugte musikalisch beim VRM-Gastspiel. © Foto: pr
Metzingen / SUSANNE ECKSTEIN 23.03.2015
Großartige Musik und eine Inszenierung, die ratlos ließ. Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" ging am Samstag als Gastspiel des Theaters Pforzheim über die Bühne der Metzinger Stadthalle.

"Schlechte Zeiten für den Dialog der Kulturen" hieß es im Pforzheimer Einführungstext im Herbst über diese "Entführung", als sie Premiere hatte. Musik und Handlung von 1782 sind nicht frei von fremdenfeindlichen Klischees: Es geht um die Befreiung von drei Europäern (Constanze, Blonde und Pedrillo) aus der Hand eines muslimischen Pascha (Bassa) und seines Haremswächters Osmin.

Die Inszenierung von Andrea Raabe, dirigiert von Martin Hannus, versuchte die Fronten zu lockern und neue Aspekte zu betonen. Etwa das Beziehungsdrama, das die Treue der Paare Belmonte/Constanze und Pedrillo/Blonde in Frage stellt: Beinahe landen die Frauen bei den Falschen, der stete Wechsel zwischen Flirt und Abweisung gilt dem alten wie dem neuen Gegenüber. So zu Ende gedacht, hätte die Geschichte auf zwei neue Paare (Bassa Selim/Constanze und Osmin/Blonde) und damit geglückte Völkerverständigung hinauslaufen können. Doch so weit ging man nicht.

Wurde der Aufseher Osmin früher gern als tumber Faschingsneger dargestellt, erschien er hier als gewaltbereiter, schwarzgelockter Mephisto in kuriosen Hochwasserhosen. "Gaststar" Patrick Simper überhöhte seine Rolle mit starker Präsenz und einer Bassstimme zum Niederknien. Letzteres taten die Sänger ohnehin: Sie waren ständig damit beschäftigt, auf dem Boden der sparsam ausgestatteten Bühne zu kauern und umherzurutschen, Blonde und Pedrillo zudem in kurzen Kinderklamotten. Wozu? Als Bild der Erniedrigung? Beim Singen war das unbequem, aus Sicht der Zuschauer ungünstig, auf Pressefotos eher peinlich (darum wohl auch das Fotografierverbot). Als symbolträchtiges Requisit immer dabei: der Schleier.

Rein sängerisch-musikalisch war viel Gutes geboten. Die vielseitigen jungen Sänger (meist Mitglieder des Pforzheimer Ensembles) mussten sich hier jedoch auch als Sprechdarsteller bewähren - eine Aufgabe, die mal mehr, mal weniger überzeugend beziehungsweise verständlich gemeistert wurde. Mozarts Arien und Ensembles waren jedoch bestens einstudiert und gelangen vorzüglich, assistiert von dem solide und klangvoll im Graben aufspielenden kleinen Pforzheimer Orchester, geleitet von Martin Hannus.

Franziska Tiedtke gab eine edle Constanze mit einem in der Höhe schrill vibrierenden, doch sonst strahlendem Sopran und Maria Perlt eine Blonde, deren Können das kurze Kleidchen deutlich überstieg. Einen Belmonte ohne Fehl und Tadel verkörperte der Tenor Markus Francke, einen slapstickhaften Pedrillo Edward Lee. Dem am Ende weise verzichtenden (und nur sprechenden) Bassa Selim verlieh der Schauspieler Dario Krosely mit nackter Brust eher zweideutige Züge.

Verliefen Musik und Inszenierung über weite Strecken auf verschiedenen Bahnen, wurden sie in einer Szene eins: im Zweifel-Ensemble kurz vor der Flucht. Die bisher zur Schau gestellte Pose und die Beteuerung der Treue "bis in den Tod" löste sich auf in nuancenreich gefühlvolle, vielstimmige Auseinandersetzung, bevor die Fliehenden gefangen, gefesselt, ihre Köpfe (ein beklemmendes Zitat) mit Schleiern überzogen und sie vom Bassa wieder freigelassen werden: "Nichts ist so hässlich als die Rache!" Das Schlussbild: Chor mit Totenköpfen, ein seltsames Fading-out, Vorhang.

Hatte sich das Publikum mit dem ständigen Nummern-Applaus zuvor verausgabt? Am Ende reichte es zu herzlichem, doch tendenziell erschöpftem Schlussapplaus.

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