Sondelfingen Gedankentiefe und Leidenschaft

Friedemann Wuttke in der Stephanuskirche Sondelfingen.
Friedemann Wuttke in der Stephanuskirche Sondelfingen. © Foto: Susanne Eckstein
Sondelfingen / SUSANNE ECKSTEIN 08.08.2015
Beim gut besuchten Auftakt zum Musica-Antiqua-Sommer trafen sich Bach und Mozart - virtuos verknüpft von Friedemann Wuttke auf der Gitarre.

Die kleine alte Stephanuskirche mit ihrer uralten, bunten Bemalung beherbergt erneut die Sommermusik der Musica-Antiqua-Reihe - als stimmungsvoller Rahmen für Konzerte mit kleiner Besetzung, in denen sich der Kontakt zwischen Künstler und Publikum fast wie von selbst einstellt.

Auch dem international tätigen Gitarristen Friedemann Wuttke fiel es dieser Tage leicht, die Zuhörer anzusprechen - mit seinen Erläuterungen, denen man die württembergische Herkunft anhörte, und mit seinem Gitarrenspiel.

Weder Bach noch Mozart haben etwas für die Gitarre komponiert; zu Bachs Zeit wurde Laute gespielt, und erst nach Mozarts Tod kam - gerade in Wien - die Gitarre in Mode. Kein Hindernis für Friedemann Wuttke, dennoch einen spannenden Gitarrenabend mit Musik dieser Meister (und anderen) zu präsentieren, in einem unkonventionellen Programm abseits des "klassischen" spanisch-lateinamerikanischen Repertoires, wie er den Zuhörern erläuterte: gemischt aus Originalwerken und Adaptionen.

Zunächst verknüpfte er kleine, frühe Klaviersätze von Mozart mit Gitarrenstücken von Ferdinando Carulli zu einer abwechslungsreichen Folge. Knapp und simpel die Mozartschen Stückchen, dazwischen - die Romantik ließ grüßen - die größer angelegten und auch seitens des Interpreten von Engagement und leidenschaftlichem Gefühl getragenen Originalkompositionen von Carulli, ein bisschen unfair Mozart gegenüber, der mit dieser Auswahl arg schlecht wegkam. Ein großer Mozart-Verehrer war Fernando Sor, seine Variationen über "Das klinget so herrlich" aus der Oper "Zauberflöte" krönten klangvoll und lebhaft dargestellt den ersten Teil des Abends.

So idyllisch die kleine Kirche im Sommer ist - die schwüle Hitze belastet manchmal die Musizierenden. Auch Friedemann Wuttkes Konzentration litt, nicht alle Passagen kamen perfekt. Zwischen den Polen "gedankliche Tiefe" und "Leidenschaft" tendierte sein Spiel eher zur letzteren; die kontrapunktischen Konstruktionen Bachs zeichnete er nicht kühl nach, sondern reicherte sie an mit gitarristischem Temperament. Zunächst, noch im ersten Teil, ein Lauten-Präludium (BWV) sowie ein Andante-Satz aus der Violinsonate BWV 1003, beide mit filigran gezupfter und spannungsreich entwickelter Harmonik, im zweiten Teil die berühmte Chaconne aus der Violinsonate d-Moll (BWV 1004).

Geiger üben ihr ganzes Leben daran; auch für Gitarristen ist diese hoch verdichtete Variationenfolge eine spezielle Herausforderung. So arbeitete sich auch Wuttke intensiv ab an diesem Stück: Klar und sonor stellte er das Thema in den Raum, entfaltete konzentriert Bachs vielstimmige Faktur und zog die Hörenden immer tiefer in den Bann des Geschehens bis zur klangvollen Wiederkehr des Themas.

Den Abschluss bildete ein großes "klassisches" Originalwerk für Gitarre: Das "Grand Solo" op. 14 in D-Dur von Fernando Sor, dem ersten berühmten Gitarrenkomponisten überhaupt. Hier brachte Friedemann Wuttke gekonnt Emotion und Gestaltungskraft ein, spielte mit differenzierter Artikulation und vielschichtiger Farbgebung; nicht immer makellos, doch so klangvoll und mitreißend, dass das begeisterte Publikum am Ende eindeutig nach mehr verlangte.

Nun wechselte der Gitarrist kurz ins Standardrepertoire: Enrique Granados' "Danza espanola" gelang ihm so emotional fesselnd wie effektvoll, und mit Mozarts souverän interpretiertem Kopfsatz aus der A-Dur-Klaviersonate war endgültig Schluss.