Pfullingen Gebirgstrage am straffen Seil

Jetzt bloß kein starker Wind! Die Rettung klappte prima.
Jetzt bloß kein starker Wind! Die Rettung klappte prima. © Foto: Herdin
Pfullingen / JÜRGEN HERDIN 21.07.2016
Höhenrettung aus dem siebten Stock: Vier Männer waren im Böhmler-Hochhaus eingeschlossen. Feuerwehr und Bergwacht spannten die Seile

Wer zum ersten Mal bei der Rettung von Menschen aus einem Hochhaus dabei war, so wie bei dieser Übung am Dienstagabend, erfuhr den Unterschied zwischen der Korbschleiftrage, welche die Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Pfullingen zumeist benutzt – und der Gebirgstrage der Bergwacht Pfullingen. Und schon ging’s zur Sache.

„Es gibt da noch den Hubschrauber-Bergesack“, erläuterte Bergwacht-Chef Jochen Boley. Doch Helis wurden nicht benötigt, als es im Rahmen der gemeinsamen Jahreshauptübung darum ging, vier Männer aus dem „Böhmler-Hochhaus“ zu retten. Die waren zwar einigermaßen munter, aber im Ernstfall kollabiert der Kreislauf häufig, auch wenn die Menschen keine äußeren Verletzungen haben, oder gar von Rauchgas gefährdet würden. Notfallmedizinisches Personal wäre dann auch mit Fahrzeugen und kompletter Ausrüstung vor Ort. Kein Feuer also, aber ein steckengebliebener Aufzug. Das war das Übungszenario. Helmut Wörner und sein Sohn Stephan, Pfullinger Feuerwehrmänner, hatten sich bereit erklärt, zwei der „Opfer“ zu mimen. Sieben Stockwerke ging’s, gut in der Trage vertäut, nach unten.

Und am Boden wieder angekommen lächelte Stephan Wörner, bekannte aber auch, dass der Kontrollverlust während der Aktion ihm schon zu schaffen gemacht habe. Man hat eben die Seile nicht selbst in der Hand. Selbige müssen freilich immer gut vertäut werden. Es gilt, diese an stabilen „Anschlagspunkten“ freilich auch im Gebäude zu sichern. „Ein Heizkörper ist da zum Beispiel nicht geeignet“, erläuterte Boley. „Unsere Höhenrettung übt alle zwei Wochen, 70 Stunden Grundausbildung müssen die Leute zuvor absolvieren – und pro Jahr mindestens 40 Stunden am Seil nachweisen“, weiß Dietmar Rall, Kommandant der Pfullinger Feuerwehr. Sein Vize Volker Hecht, Leiter der Höhenrettung, die derzeit 17 Mitglieder zählt, koordiniert derweil die Aktion seiner Kameraden an der nordöstlichen Gebäudeflanke.

Ab 50 Lebensjahren müssen Höhenretter jedes Jahr zu einem medizinischen Check, so Rall. Für alle Feuerwehrleute – und für die Bergwacht erst recht – gilt es, topfit zu sein, wenn es ins Gelände geht. Ein „absturzgefährdeter Bereich“ ist zum Beispiel der Abhang, der unmittelbar an der Ernsthütte – auf dem Weg zum Übersberg –beginnt,

Natürlich ist es meist so, dass die oberen Fenster, aber auch das Dach des Böhmler-Hochhauses bequem mit Drehleitern der Feuerwehr erreicht werden können. Doch  die Übung mit zwei Dutzend Leuten, die an drei Stellen der Fassade abseilten,  war deshalb anders, weil es galt, die Koordination zwischen Bergwacht und Feuerwehr zu testen.

Umsichtiges Handeln bei einer komplizierten Einsatzlage geht übrigens immer vor Schnelligkeit. „Redundanz“ heißt das Stichwort: Die Seile müssen – vollkommen unabhängig voneinander – gesichert werden. So wie wenn bei einem Flugzeug der Höhenmesser ausfällt  und sich der zweite sofort zuschaltet.

Zur Übungsannahme am Dienstag gehörte nicht nur der defekte Aufzug. Vielmehr gab es im viel zu engen Treppenhaus des Gebäudes aus den 60er Jahren, keine Chance  dieses als Rettungsweg zu nutzen. Längst ist es so, dass Häuser, die höher als 23 Meter sind, ein gesondertes „Nottreppenhaus“ benötigen.

Beim Böhmler-Hochhaus ist das egal. Der Kasten steht, außer im Erdgeschoss eh leer – und soll demnächst abgerissen werden.

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