Tübingen Ganz verschiedene Versionen

Tübingen / SIMON WAGNER 31.03.2012
Im Prozess um den Benzin-Brandanschlag wurde am Donnerstag am Landgericht Tübingen ein Glaubwürdigkeitsgutachten vorgestellt.

Noch immer rätselt das Landgericht Tübingen über die Vorkommnisse, die sich Ende Mai 2011 in Reutlingen zugetragen haben. Dort wurde ein Mann im deutsch-türkischen Kulturverein mit Benzin übergossen und angezündet. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen ein Ehepaar aus Reutlingen, wegen gemeinschaftlich versuchten Mordes. Der Ehemann soll seiner Frau bei der Tat geholfen haben. Das 38-jährige Opfer der Brandattacke überlebte mit schweren Brandverletzungen.

Weniger der tatsächliche Tathergang, als die Vorgeschichte der Tat, stand während eines emotionalen Verhandlungstags im Vordergrund. Wie berichtet, gab die 37-jährige Angeklagte bereits vor der Hauptverhandlung an, von dem späteren Brandopfer mehrfach vergewaltigt worden zu sein. Ihre wiederholte Beschuldigung ist der Grund für ein laufendes Ermittlungsverfahren gegen den Mann. Nach ihren Schilderungen habe er sie nicht nur sexuell genötigt, sondern auch intime Fotografien angefertigt. Mit ihnen habe er sie zu immer neuen Treffen erpresst und damit gedroht, die Bilder im Internet zu veröffentlichen, wenn sie sich ihrem Mann oder der Polizei anvertrauen würde.

Der so Beschuldigte tritt in dem aktuellen Verfahren als Nebenkläger auf und bestritt vor der Kammer die Vorwürfe. Er beschrieb vielmehr eine monatelang andauernde, heimliche, aber einvernehmliche Beziehung zu ihr. Dabei seien sie sich auch körperlich näher gekommen: "Ich habe gemerkt, dass sie es wollte", sagte er.

Es stehen also zwei grundlegend verschiedene Versionen im Raum. An Psychotherapeutin Marianne Clauß war es nun, in ihrem Glaubwürdigkeitsgutachten zwischen wahr und falsch abzuwägen.

Im Zentrum ihrer wissenschaftlichen Hypothesenbildung stand die inhaltliche Konstanz der verschiedenen Aussagen der Frau, die sie bei polizeilichen Verhören, vor Gericht und in gesonderten Untersuchungsgesprächen offenbarte. Im Vergleich ihrer Einlassungen, stieß Clauß auf "ganz deutliche Abweichungen", wie etwa in der Schilderung einzelner Taten. Ebenso vermisst sie "konstante, individuelle Merkmale" bei der Beschreibung der angeblichen Vergewaltigungen. Sie seien detailarm und wenn detailliert, dann widersprüchlich.

Auch die schematische Wiederholung des von der Frau ins Feld geführten Erpressungsszenarios, ist für die Gutachterin eher ein Indiz für eine "schwächelnde" Aussage und sei, so Marianne Clauß, aussagepsychologisch "mager".

Clauß untersuchte auch verschiedene Motivationen, die zu einer Falschaussage geführt haben könnten. Aus ihrer Sicht könne man die Angaben der Angeklagten auch als Versuch deuten, eine einvernehmliche Beziehung vor ihrem familiären Umfeld zu verdecken.

Die so vorgebrachten Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen lösten heftige Reaktionen bei der Angeklagten aus. Immer wieder unterbrach die in Tränen Aufgelöste und Hadernde die Gutachterin durch Zwischenrufe: "Warum wiederholen Sie das immer wieder? Ich hatte Ihnen vertraut", rief sie an ihre Adresse. Sie beruhigte sich erst wieder, als sie von Richter Ralf Peters scharf ermahnt wurde.

Dem jetzt vorgestellten Gutachten folgt am 16. April das psychiatrische Gutachten über die beiden Angeklagten. Für den selben Tag sind auch die Plädoyers vorgesehen. Der Urteilsspruch der Kammer ist für den 17. April geplant.

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