In Anlehnung an die Spielzeit beim Fußball ging die Podiumsdiskussionsrunde im Foyer der Volksbank Reutlingen nach 90 Minuten und etwas Nachspielzeit gefühlt schnell über die Bühne. Reiner Calmund, langjähriger Manager und Macher beim Werksklub TSV Bayer 04 Leverkusen, Felix Magath, ehemaliger Bundesligatrainer unter anderem beim VfB Stuttgart, VfL Wolfsburg, Schalke 04 und FC Bayern München, sowie Dr. Christoph Fischer, Journalist und stellvertretender Vorsitzender des Vereins Sportpresse Württemberg stellten sich beim Kicker-Business-Talk am Mittwochabend den Fragen von Kicker-Chefredakteur Jörg Jacob und am Ende auch des Publikums. Besonders imponierte dabei Reiner Calmund mit seiner natürlichen und witzigen Art, wie man ihn seit Jahren aus dem Fernsehen kennt.

FC Bayern wird Meister

Trotz eines aktuell schwächelnden FC Bayern München waren sich alle einig, dass die Bundesliga aktuell so spannend ist wie lange nicht mehr. „Ich bin mit der Situation, dass alles so eng beisammen ist, sehr zufrieden. Allerdings werden auf lange Sicht die Bayern wieder Meister, wenn sie die Verletzungsmisere um ihre Innenverteidiger in den Griff bekommen und Torjäger Robert Lewandowski nach seiner Operation nicht länger ausfällt“, sagte Calmund und wurde im Nachgang auch von Magath und Fischer in dieser Aussage bestätigt.

Geld schießt nicht immer Tore

Obwohl die regelmäßigen Teilnehmer der Champions League natürlich einen finanziellen Vorteil durch die Prämien der UEFA und Fernsehgelder haben, brachte Calmund kurzerhand das Beispiel, dass auch alte europäische Traditionsmannschaften wie die Mailänder Teams AC und Inter trotz des Einstiegs von finanzkräftigen chinesischen Investoren schon seit Jahren keine große Rolle mehr im europäischen Fußball spielen. „Ein Verein muss heute wie ein professionelles Unternehmen geführt werden. Da ist es wichtig, dass es eine sehr gute Infrastruktur gibt und dass drei bis vier Positionen in der Führungsetage top besetzt sind“, sagte Calmund und führte Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig als passende Beispiele an.

Klare Hierarchien

Eine eindeutige Einstellung zum Thema Entscheidungskompetenz vertrat anschließend Felix Magath. „Der VfL Wolfsburg ist 2009 nur Meister geworden, weil ich alles alleine entscheiden konnte“, sagte der 66-Jährige und führte in diesem Zusammenhang auch gleich die Beispiele von Pep Guardiola bei Manchester City und Jürgen Klopp beim FC Liverpool an: „Die beiden sind nur so erfolgreich, weil sie als Trainer das letzte und auch entscheidende Wort bei den Personalfragen haben.“ Magath verdeutlichte dies mit der Aufzählung von den verschiedensten Arbeitsstellen, die es heutzutage rund um ein Profi-Fußball-Team gibt. „Da hat es den Chef-Scout, den Mini-Scout, den Scout für Südamerika und zig andere Scouts sowie Manager, und alle wollen irgendwie mitreden.“ Calmund und auch Fischer unterstrichen dies und forderten mehr Schutz für die Trainer von den Vereinsverantwortlichen.

Traditionsvereine mit Problemen

Der VfB Stuttgart, der Hamburger SV und der 1. FC Kaiserslautern sind nur drei Beispiele für Traditionsmannschaften, die in den vergangenen Jahren mehr durch negative als durch positive Schlagzeilen auf sich aufmerksam gemacht haben. Auch hier waren sich die drei Experten einig, dass es für solche Vereine mit „veralteten“ Strukturen auf lange Sicht immer schwieriger wird, sich in den oberen Regionen des deutschen Fußballs aufzuhalten. „Ein Trainer muss mindestens zwei oder drei Jahre konstant arbeiten können, um etwas aufzubauen“, sagte Magath und erntete aus der Publikumsecke, in der wohl verstärkt Fans des VfB Stuttgart vertreten waren, mehr als nur ein Grinsen. Passend dazu kramte Calmund eine Liste heraus und fing an, die vergangenen Präsidenten, Trainer und Manager des VfB aufzuzählen: „Ihr hattet so viele Sahnestücke, und alle sind weg. Ihr habt aber auch immer was zu meckern.“ Dass der VfB in den vergangen zehn Jahren etliche Trainer verschlissen hatte, wusste irgendwie jeder. Die Zahl 17 hatten allerdings die wenigsten auf dem Schirm. Trotz den stürmischen Zeiten, die aktuell über der Landeshauptstadt wehen, sind alle drei Experten optimistisch, dass der VfB Stuttgart im Sommer 2020 den direkten Wiederaufstieg feiern wird.

Individuelle Ausbildung fehlt

Natürlich durfte zum Abschluss der Diskussionsrunde das Thema Nationalmannschaft nicht fehlen. Während Felix Magath davon sprach, dass Joachim Löw ein sehr guter Nationaltrainer war und bemängelte, dass „nur noch Mittelmaß ausgebildet wird“, sprang ihm Calmund zur Seite und verwies darauf, dass man noch so viel Geld in Nachwuchsleistungszentren investieren könnte, man die individuelle Ausbildung aber nicht weiter vernachlässigen dürfte.

Immer informiert

Wie sehr Calmund noch mit seinem ehemaligen Verein aus dem Ruhrpott verwurzelt ist, machten nicht nur zahlreiche Aussagen von ihm deutlich, in dem er teils lobend, aber auch teils kritisch auf den Werksklub einging, sondern auch die Tatsache, dass der Applaus bei der Verabschiedung noch nicht ganz verhallt war, er schon das Smartphone zückte, um den Spielstand seiner Leverkusener gegen Atletico Madrid in der Champions League abzurufen. Der knappe 2:1-Sieg dürfte dann auch ihm geschmeckt haben.