Reutlingen Funkig, frei und futuristisch

Erika Stucky mit ihrem neuen Programm "Black Widow" im franz.K. Foto: Spiess
Erika Stucky mit ihrem neuen Programm "Black Widow" im franz.K. Foto: Spiess
JÜRGEN SPIESS 31.12.2013
Erika Stucky als ausgeflippte schwarze Witwe: Im ausverkauften franz.K stellte die US-Schweizerin ihr neues Programm vor. Mit dabei: drei Musiker aus dem Tom-Waits-Umfeld. Das Publikum stand Kopf.

Das hat sich bei den Psychedelic-Pionieren von Pink Floyd aber ganz anders angehört. Doch in Erika Stuckys Version von "Shine on you crazy diamond" grooven eine kleine Trompete, ein schräges Mini-Akkordeon und eine ausgeflippte Gitarre um die Wette. Dazu singt die hemmungsloseste Sängerin, die sich auf dem Planeten denken lässt, in einer Fantasiesprache Unverständliches ins Mikro.

Bis das durchgeknallte Energiebündel aus dem Schweizer Oberwallis die Bühne betritt, vergehen aber erstmal einige Minuten. Von ganz hinten schlurft sie durch den Gang, mit einer Glühweintasse klappernd, Türe schlagend und Babytalk-Laute von sich gebend.

Als sie die Bühne erreicht, sind ihre drei Mitmusiker bereits voll bei der Sache: David Coulter (Keyboard, Gitarre, Violine, singende Säge), der bereits beim legendären Tom-Waits-Theaterstück "Black Rider" mitwirkte, Terry Edwards (E-Bass, Trompete, Saxofon), ehemaliger Ideengeber von PJ Harvey und Michael Blair (Drums), der mit seinen dumpf-düsteren Schlagrhythmen die Musik von Tom Waits maßgeblich beeinflusst hat - diese drei lassen eine druckvolle Soundwelle übers Publikum schwappen. Auf ihrem mit viel funkigem Rock und freier Improvisation getunten Überflug ist Erika Stucky auch bei ihrem neuen Programm "Black Widow" eine zuverlässige Stewardess. Kaum eine Sängerin kehrt ihre Gefühlswelten mittels Musik derart nach außen. Die zum Teil verstörende, dann wieder vor Humor sprühende Intensität ihrer Rock-Interpretationen wurde häufig mit der des nuschelnden Melancholikers Tom Waits verglichen.

Tatsächlich lehnt sich die Musik der schwarzen Witwe oft an die verschrobene, abgehangene Ästhetik des US-Musikers an. Eine weitere Inspirationsquelle sind für Stucky amerikanische Gangsterfilme. Als diffuses Traumbild lässt sie in Titeln wie "Sopranos" oder "Mob Mama" Film-Zitate aus US-Mafia-Serien einfließen. Dazu flimmern Schattenbilder und eingeblendete Stummfilm-Videos mit krabbelnden Spinnen über die Leinwand.

Dennoch: Das Gebrochene, Psychotische ihrer früheren Auftritte ist einer - für ihre Verhältnisse - musikalischen Gutgelauntheit gewichen. Mal in sich hineinkichernd, mal ausgelassen herumtänzelnd, angereichert mit fettem Voodoo-Jazz, freier Improvisation, Electronic-Future-Sounds und bärbeißigem Pygmäengesang, präsentiert sie fast ausschließlich Songs ihres neuen Albums "Black Widow".

Und da man in Erika Stuckys Musik immer schon ihren jeweiligen Seelenzustand hineininterpretierte, könnte man meinen: Es ging ihr noch nie so gut. Vier Zugaben im franz.K beenden einen unvergesslichen Auftritt.