Reutlingen Für einen Club der Landsleute sind wir zu wenige

Der Isländer Snorri P. Sigurdsson verfolgt den Hype um die Kicker aus Iceland zwar gelassen, fiebert aber bei ihren Partien mit.
Der Isländer Snorri P. Sigurdsson verfolgt den Hype um die Kicker aus Iceland zwar gelassen, fiebert aber bei ihren Partien mit. © Foto: Peter U. Bussmann
Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 02.07.2016
Die deutschen Zuschauer geraten ins Schwärmen beim Spiel der wilden Kicker vom eisigen Eiland in nordischer See. Und Isländer leben auch unter uns.

Falls Sonntagnacht die Equipe Tricolore geschlagen das Stade de France in St. Denis verlässt, hat sich der große Weißblonde überlegt, mit seinen drei Kindern einen Ein-Auto-Korso auf der Karlstraße zu machen. Eine Flagge hat der Isländer selbstverständlich, und er ist sicher: „Die Polizisten würden klatschen.“ Doch Snorri P. Sigurdsson ist Realist und freut sich, dass seine Landsleute bei der EM überhaupt so weit gekommen sind.

Der Hype um die Wikinger-Kicker mit ihren wilden Bärten, wehenden Mähnen, üppigen Tattoos und urigen Kampfrufen geht auch an dem 48-jährige Nordmann, der seit 26 Jahren in Deutschland lebt und mit einer Schwäbin (“Vo dr. Alb“ sagt er stilsicher auf Schwäbisch) verheiratet ist, nicht ganz vorbei. Immer öfter werde er auf seine Herkunft angesprochen, und „eigentlich kann man nix dafür“, sagt der studierte Betriebswirt, der in der  Oststadt seit fünf Jahren eine Agentur für interaktives Marketing führt. Mit einem kleinen, internationalen Team (“Wir haben nur einen Schwaben dabei“) entwickelt die Firma Software für Content-Management-Systeme (kurz CMS, deutsch Inhaltsverwaltungssystem) für Internetportale, um „mit Leichtigkeit Produkte ins Netz stellen zu können“. Zu den Kunden gehört beispielsweise Schwörer-Haus.

Er ist einer von 224 Isländern in Baden-Württemberg „laut unbestätigten Berichten des Statistischen Landesamts“. In Reutlingen weiß er nur noch von einem „Pastor in Eningen“, wie er sagt (mehr dazu im Info-Kasten). Ansonsten sei er allein auf weiter Flur. Die nächsten nationalen Stammtische finden sich in Stuttgart und München, für einen Club der Landsleute, wie  die Italiener, Portugiesen oder Brasilianer sie haben, „sind wir zu wenige“, räumt er ein. Dafür ist er mit Familie und Firma bestens integriert und „ich darf meine Steuern hier bezahlen“, bekräftigt er.

Zudem genießt er im Ländle „die Anonymität, die er unter Isländern nicht hat“, sagt Mitarbeiterin Patricia Schüle verschmitzt über ihren Chef. Der gesteht, dass sich in dem 330 000 Seelen-Völkchen tatsächlich erstaunlich viele kennen. Zum Beispiel: Der jüngere Bruder des neu gewählten Präsidenten Gudni Th. Jóhannesson, Patrekur Jóhannesson, „der war Profi-Handballer in Essen in der Zeit, als ich dort lebte“.

Überhaupt seien die Isländer ein sportverrücktes Volk. Auch Sigurdsson, heute gerne auf der Alb per Mountainbike unterwegs, fuhr früher Ski, schwamm und kickte - „ach ja, der neue Trainer der Balinger Handballer ist auch Isländer, Runar Sigtryggsson“, fällt Sigurdsson ein. Vor allem in den Hallensportarten war die Insel stark, kein Wunder, draußen ging die Fußballsaison nur bis Herbst. Zur Wintersonnenwende geht dort die Sonne erst gegen 11 Uhr auf und verschwindet hinterm Horizont bereits gegen 15.30 Uhr. Sommers hingegen geht die Sonne fast nicht unter: „Die Mitternachtssonne vermisse ich am meisten“, bekennt Sigurdsson, der seine Heimat nurmehr unregelmäßig besucht.

Dafür liebt er, am Meer aufgewachsen, Urlaub in der Bretagne, „das ist recht ähnlich“. Wie zuhause sei dort manchmal das Wetter, „in Island kommt der Regen auch von der Seite und von unten“, sagt er - „und Schirme tragen nur Touristen!“ Wegen der extremen Witterungs- und Lebensbedingungen ist den Isländern ein tiefer Respekt vor der Natur zueigen. In finsteren und kalten Nächten gedeihen zudem Sagen und Mythen, etwa von Elfen, die in großen Steinen wohnen und um die auch schon mal der Straßenbau einen Bogen macht, sicherheitshalber.

Ganz frei davon ist Sigurdsson auch nicht. Er hat sich uralte Runen auf einen Unterarm tatowieren lassen und einen mythischen „Vegvisir“ (Wegweiser) wie die Sängerin Björk auf den anderen. Magische oder Hexenrunen „hat nicht jeder Isländer“, versichert Sigurdsson - aber vermutlich deren erfolgreiche Kicker.

Der zweite Isländer

Pétur Thorsteinsson ist ejr-Bezirksjugendreferent und mit einem Viertel-Dienstauftrag in Eningen in der Kinder- und Jugendarbeit tätig. Er stammt aus Akureyri im Norden Islands. 1990 lernte er in Münsingen seine Frau kennen. Auf der Karlshöhe Ludwigsburg wurde er zum Gemeindediakon ausgebildet. Nach Stationen in Vaihingen/Enz und 13 Berufsjahren in seiner Heimat zog es die Familie 2013 wieder nach Deutschland. Thorsteinsson betreut Projekte zwischen Jugendarbeit und Schule, zudem hat er  ein Teildeputat für Religionsunterricht an der Gerhart-Hauptmann-Schule Reutlingen.