Reutlingen Für eine bessere Welt

Aussagekräftiger Teil des Alternativen Neujahrsempfangs: die Darbietung "Versprechen und die Kehrseite".
Aussagekräftiger Teil des Alternativen Neujahrsempfangs: die Darbietung "Versprechen und die Kehrseite". © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 11.01.2016
Man kennt sich. Man schätzt sich. Und man trifft sich. Immer wieder, mindestens einmal im Jahr beim Alternativen Neujahrsempfang - bei dem gestern die Flüchtlingssituation im Vordergrund stand.

Dass in der offiziellen Betrachtung und Bewertung Flüchtlinge unterteilt würden in jene mit und ohne Berechtigung - "das funktioniert rein nach nützlichkeitsrassistischen Kriterien", sagte Natalie Kuczera von Attac am gestrigen Sonntag im Reutlinger franz.K. Die Fortsetzung der Kolonialpolitik mit anderen, wirtschaftspolitischen und neoliberalen Mitteln, führe etwa dazu, dass Produkte aus Entwicklungsländern auf dem Weltmarkt keine Chance haben, so Kuczera.

Die Leerfischung des Meeres vor afrikanischen Küsten - durch EU-Fischfabriken - entziehe den betroffenen Fischern in zahlreichen Staaten auf dem "schwarzen Kontinent" die Lebensgrundlage. Ein Teil dieser Menschen komme nun als Flüchtlinge nach Deutschland und verlange zu Recht ein Stück vom Wohlstandskuchen. Ein anderes Beispiel: Mali besitze die drittgrößte Goldindustrie in Afrika, sei aber eines der ärmsten Länder auf dem gesamten Globus. Warum? Weil vor allem US- und EU-Konzerne den Rahm abschöpfen.

Solche und ähnliche Erkenntnisse wurden am Sonntag im franz.K viele in das Publikum gestreut - und auch in einer Performance auf die Bühne gebracht. Waffenhandel, Freihandelsabkommen, Rohstoffsicherheit, Wachstum, Wohlstand für alle, Exportweltmeister - alles toll? Im Gegenteil: Genau mit diesen Schlagworten sorge auch Deutschland dafür, dass immer mehr Menschen aus den Kriegsregionen und Armutsgebieten der Welt in die reicheren Länder flüchten - so die Aussage hinter der Darbietung "Versprechen und die Kehrseite".

Rund 300 Besucher sowie aktive Vorkämpferinnen und Vorkämpfer aus mehr als 25 Gruppierungen und Initiativen für eine bessere Welt waren gestern ins franz.K gekommen. Eigentlich hätte auch Konstantin Wecker kommen wollen, sagte Veranstaltungs-Moderator Reinhard Benecken vom BUND. "Weil aber Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch aus terminlichen Gründen abgesagt hat - im Übrigen schon zum neunten Mal - ist Wecker auch nicht persönlich gekommen", so Benecken. Aber: Ein Video des Künstlers wurde gezeigt - mit eindrücklichen Flüchtlingsbildern.

Aufgrund von 60 Millionen Flüchtlingen weltweit standen sowohl die Situation der Flüchtlinge, die Ursachen der Flucht und auch ein Rückblick im Vordergrund des Alternativen Neujahrsempfangs. Peter Elwert berichtete in seinem Vortrag über die Situation zwischen dem Januar 1816 und Juli 1817 - damals machten sich 19 000 Menschen aus dem Königreich Württemberg auf, um das 1,4 Millionen Einwohner starke Land zu verlassen. Die Auswanderungswelle habe viele Gründe gehabt, wie der Reutlinger Friedrich List herausgefunden hatte, so Elwert von der Reutlinger Stadtbahninitiative.

Zu hohe Steuern und Abgaben, das Leben unter selbstherrlichen Despoten und Beamten oder auch das Verbot zu jagen und Feuerholz zu sammeln wurden List bei der Abreise in Heilbronn genannt. "Anders ausgedrückt, flüchteten die Menschen damals aus Armut, Arbeitslosigkeit, wegen steigender Preise, Rechtsunsicherheit und religiöser Intoleranz", berichtete Peter Elwert. "Das ist doch eine hohe Übereinstimmung mit den heutigen Fluchtursachen."

Friedrich List, der Reutlinger Eisenbahnpionier, sei aber nicht allein mit dem Auflisten der Gründe beauftragt worden, er machte auch Vorschläge, um die Auswanderung zu stoppen: So sollten etwa (damals schon) Schleuser bekämpft werden. "List selbst musste ja wenige Jahre später auch das Land verlassen - als politischer Flüchtling", betonte Elwert.

Dem Motto des Alternativen Neujahrsempfangs hätte Friedrich List, wenn er noch leben würde, wohl zugestimmt, mutmaßte Elwert. Das Leitmotiv hieß nämlich: "Weltweit zuhause! Flüchtlinge integrieren - Fluchtursachen beseitigen." Neben den Vorträgen und Aufführungen blieb den zahlreichen Besuchern im franz.K noch viel Raum und Zeit, um sich mit den Aktiven der anderen Initiativen auszutauschen.

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