Mal sachlich, mal angriffslustig, mal schwärmerisch, mal kurios: So präsentierten sich die fünf OB-Kandidaten gestern Abend in der Stadthalle bei der offiziellen Vorstellung. Den Auftakt machte Dr. Christian Schneider (CDU). Über die Reihenfolge der jeweils 15-minütigen Redebeiträge hatte der Gemeindewahlausschuss das Los entscheiden lassen. Schneider, derzeit Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, betonte seine Verwaltungskompetenz und Führungserfahrung. Er verlangte eine Gesamtstrategie für die Stadt, die auf mehreren Pfeilern gründet: Wirtschaft, Wohnraum, umweltfreundliche Verkehrsinfrastruktur, Aufwertung der Innenstadt. Wirtschaftliches Wachstum bedeute Sicherung des Wohlstands, es gelte, eine Willkommenskultur für Investoren zu schaffen. Der Joker sei die Hochschule mit ihren 6000 Studierenden. „Ich will die Hochschule in der Stadt sichtbar machen.“ Um mehr Wohnraum zu schaffen brauche es schnellere Verfahren. Die Stadt müsse sich um gute Betreuung und gute Schulen kümmern. Eine „ideologiefreie Verkehrspolitik“  will der 54-jährige Jurist in der Stadt umsetzen. Nicht das Auto vergrämen, sondern ÖPNV, Rad und Fußgänger stärken.

Die Zukunft mit grünen Visionen weiterentwickeln will Cindy Holmberg (Grüne). „Ich kann anpacken“, versprach Holmberg und prognostizierte: „Mit mir wird vieles auch sonntags möglich sein“ im Blick auf die Belebung der Innenstadt. Ein fortschrittliches Reutlingen mit bürgernaher Verwaltung wolle sie umsetzen, eine Verwaltung, „die über den Tellerrand blickt“. Die Entscheidungsteams in der Verwaltung müssten gemischt sein, so Holmberg: Frauen, Männer, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Behinderung. Auf Existenzgründer und Handwerker will Holmberg setzen. „Tübingen hat es vorgemacht, grünes Wachstum können wir auch.“ Die Regionalstadtbahn will die 43-Jährige schnell umsetzen, ebenso den Masterplan Radverkehr. Mehr junge Menschen wünscht sich Holmberg in der Stadt, zudem Livemusik in Bars auch nach 22 Uhr. „Ich will diese Stadt jung machen.“

Kurioser Auftakt von Andreas Zimmermann (Die Partei): Er zog sich auf der Bühne um. „Ich will damit zeigen, dass ich symbolisch für den Wechsel stehe.“ Der 49-Jährige Diplomingenieur gab zu, Wissenslücken zu haben. Kein gutes Haar ließ Zimmermann derweil an der Stadt. In Reutlingen herrsche Planlosigkeit, die Bushaltestellen seien versifft, die Fahrer pampig, die Taktzeiten zu lang, das Rathaus ein „hässlicher Klotz“. Radfahrern, die nicht die Radwege benutzen, will er mit Bußgeldern Beine machen. Kurzum: „Ich habe eben kontroverse Ansichten.“ Für alle Veränderungen sei er der richtige Mann: „Als OB muss ich von Politik und Verwaltung keine Ahnung haben, dafür gibt es qualifizierte Mitarbeiter.“

Heimspiel für Thomas Keck (SPD): Der 55-jährige Bezirksbürgermeister von Betzingen sitzt seit 25 Jahren im Gemeinderat. „Ich kenne meine Heimatstadt aus dem Effeff.“ Wohnungspolitik ist das Spezialgebiet des Geschäftsführers des Mieterbundes Reutlingen-Tübingen. Auf Land und Bund könne man bei der Wohnungspolitik nicht warten. „Die Kommune muss sehen, was sie aus eigener Kraft tun kann.“ Mangelndes Bauland sei in Reutlingen derzeit ein riesiges Problem. „Ein OB Keck wird die Zügel beim Wohnungsbau in die Hand nehmen.“

Die Regionalstadtbahn will Keck in den Nordraum weiterführen. Der Verkehrsraum in der Stadt müsse neu aufgeteilt werden zwischen Autos, Radlern, Fußgängern und ÖPNV. Dass das Handwerk Erweiterungsflächen braucht sei ihm ein Anliegen. „Ich weiß, wie die Reutlinger ticken“, betonte Keck. Er wolle, dass die Stadt nicht wie eine Behörde geführt werde. „Ich bin bodenständig und erdverbunden“, empfahl sich Keck. Versprechungen mache er keine, lediglich diese, sich für die Bürger der Stadt einzusetzen.

Von einer Bundesgartenschau in Reutlingen sprach Dr. Carl-Gustav Kalbfell, der Sozialbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen (FDP). Kalbfell lobte Bosch für die Politik der vergangenen 16 Jahre und betonte, als jüngster Kandidat biete er eine langfristige Perspektive. „Ich weiß, wie man ein Rathaus führt“, so Kalbfell. Die Bezirksgemeinden will er in Zukunft mit eigenem Geld ausstatten, die GWG müsse sich angesichts der Wohnungsnot wieder auf ihr eigentliches Kerngeschäft konzentrieren. Neben dem Jugendgemeinderat könnte laut Kalbfell auch ein Seniorenbeirat gegründet werden und die Innenstadt schreie nach Belebung, zählte Kalbfell seine Prioritäten auf.

Einen Frontalangriff startete Kalbfell in Sachen Stadtkreis auf seinen Konkurrenten Schneider. „Nur ich und Keck waren von Anfang an konsequent für den Stadtkreis.“ Entweder der Landrat sichere der Stadt Reutlingen ein millionenschweres Entgegenkommen zu, oder „Schluss mit Blabla“. In einem Rechtsstreit werde die Stadt jedenfalls nicht unterliegen.

Nach so viel geballter Information gab es für die Besucher zuerst einmal eine Pause, bevor dann die Fragerunde einsetzte. Mehr dazu in unserer morgigen Ausgabe.

OB-Wahl am 3. Februar in Reutlingen


Die Oberbürgermeister-Wahl in Reutlingen findet am Sonntag, 3. Februar, statt. Sollte keiner der fünf Kandidaten die absolute Mehrheit erreichen, findet am 24. Februar ein zweiter Wahlgang statt, bei dem die einfache Mehrheit reicht.