Pfullingen Froh, freundlich, gelassen

Michael Schrenk gratuliert Herta Oeser zum 110. Geburtstag.
Michael Schrenk gratuliert Herta Oeser zum 110. Geburtstag. © Foto: Jürgen Herdin
Pfullingen / JÜRGEN HERDIN 25.06.2015
Ihren 100. Geburtstag fand sie "besser". Denn diesen feierte sie auf Teneriffa. Doch guter Laune ist Herta Oeser weiterhin. Gestern empfing sie zum 110. Geburtstag "liebe Gäste" und den Bürgermeister.

Als ob die gebürtige Reutlingerin beim Stadtmarketing arbeiten würde, gab sie gestern zu ihrem 110. Geburtstag zu Protokoll: "Pfullingen ist eine Stadt, in der man sich wohlfühlt. Ich bekomme bei meinen Einkäufen alles, was ich brauche. Die Menschen sind allesamt sehr freundlich."

Neun Jahre war das Mädchen jung, als der Erste Weltkrieg begann. Und als Frau, die nun schon seit 55 Jahren in Pfullingen lebt, gilt sie dort auch längst als Einheimische. Durchaus mit Ehrfurcht bekannte Bürgermeister Michael Schrenk, "dass dies der bedeutendste Geburtstag ist, den ich als Bürgermeister bisher erlebt habe."

Schrenk hatte zum Geburtstag auch Geschenke dabei, für eine Frau, die die Tochter des einstigen Reutlinger Gas- und Wasserwerksdirektors Wilhelm Kleinfeldt ist. Es gab eine Doppel-CD hiesiger Künstler und einen Pfulben-Gutschein. Den wird sie sicher bald einlösen, denn mit dem Bürgerbus fährt sie weiterhin in die Stadt, wo sie auf dem Markt und anderswo einkauft.

Der große Blumenstrauß fehlte an diesem Tag ebenso wenig wie ein Gratulationsschreiben von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Zum Glück hatte sich die erfahrene Fußball-Anhängerin 2014 aber getäuscht. Da bekam sie von Schrenks Vorgänger Rudolf Heß ein DFB-Trikot - unterschrieben von Mario Gomez. Oeser tippte damals, dass Deutschland nicht Weltmeister würde.

Von ihrer Wohnung aus hat sie einen prächtigen Blick bis nach Eningen, und noch bewegt sich Herta Oeser mit dem Rollator in der näheren Umgebung. Aber sie kennt praktisch die ganze Welt. Ihr Ehemann Werner, Professor am Reutlinger Technikum, gestorben 1988, und sie hatten stets sparsam gelebt - um mit dem Geld den Globus in Angriff zu nehmen.

Ägypten, Amerika, Taschkent, Russland und Mittelasien, das alles hat sie schon gesehen. Auf Spitzbergen war sie gar zwei Mal. 1935 mit 1975 verglichen, damals mit ihrer Tochter Liselotte unterwegs, war sie besorgt: "Da waren einige Gletscher schon abgeschmolzen."

Herta Oesers Vater starb, als sie vier Jahre alt war, die Mutter musste fünf Kinder ernähren. "Als junges Mädle hab' ich dann einfach so beim Finanzamt Reutlingen in der Schulstraße vorgesprochen - und bekam eine Stelle."

Die Inflation 1923 hat sie als Teenager erlebt, "und fürs Faschingsfest eine Milliarde Mark Eintritt gezahlt", ließ sie uns einst wissen. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre hat sie als junge Frau erlebt, am Ende des Zweiten Weltkriegs war Oeser bereits 40 Jahre alt. Mit 43 Jahren bekam sie zur Währungsreform die ersten DM-Scheine, 97 Jahre war sie alt, als sie den ersten Euro in der Hand hielt.

Ach ja, die Zeit nagt dann doch an der Gesundheit, aus einer weiteren Reise auf die Lieblingsinsel Teneriffa wird wohl nichts mehr. Wo sie vor über 40 Jahren den höchsten Berg Spaniens, den 3718 Meter hohen Tejde bestiegen hat - im Alter von 65 Jahren.

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